Musicus
Keltische Campari Sodas
Dezember 1996
Stephan Eicher wird von Album zu Album besser. Bei 1000 vies verschickte er seinen Freunden die Demotapes und bat sie, etwas um seinen Gesang zu basteln.
Bewertung: * * * * * *

Ob sich Stephan Eicher in einer Sinnkrise befindet, ist nicht überliefert. Annehmen kann man es. Das Coverfoto ist in nüchternem schwarzweiss gehalten und man fragt sich, ob der fotografierte in der Maske gewesen war, man sieht jeden Fleck im Gesicht. Aus den Schaufenstern der Plattenläden blickt einem ein nachdenklicher Mann an. Die Rezensionen des Albums sind praktisch durchs Band weg negativ. Die alten Gefährten sind nur noch auf einzelnen Songs zu hören. Die erfolgreichen letzen Alben und die grosse Europatour, von welcher eine nachdenkliche Dokumentation als Video und Doppel CD erschien, scheinen Vergangenheit zu sein. Scheinen. Denn vertraute Namen erscheinen dennoch: So schreibt noch immer Philippe Djian, der französische Schriftsteller mit dem Welterfolg Betty Blue, die französischen Lyrics. Dominic Blanc Francard oder Tomi Vetterli sind weitere alte Bekannte.

Multikirturalität...
Stephan Eicher, der seine letzten beiden Alben in Engelberg und Carcassonne aufgenommen hatte, schickte seine Demotapes seinen Freunden in der Welt, mit der Aufgabe, etwas daraus zu machen. Dokumentiert wird dieses Prinzip auf der Single Oh Ironie, welche neben der Albumversion einen Technoremix und die von Nova Nova eingespielte After Hour Version enthält, die lediglich von einem Klavier begleitet ist. Die Mulitkulturalität des Albums ist aber auch musikalisch zu hören. In Der Rand der Welt steht dem deutschen Gesang Eichers derjenige des Senegalesen Ismail Lo in senegalesisch gegenüber. Ein kleines Meisterwerk.

Beim Titelstück kommen wie anno dazumal auf Déjeuner en Paix Streicher zum Tragen. Wer auf der unlängst erschienen Beatles Anthology 2 Eleanor Rigby nur in der Streicherfassung gehört hat, wünscht sich nichts mehr, als 1000 vies in einer Strings only Fassung zu hören. Es ist ein veritables kleines Kammermusikstück. Es hat noch weitere Parallelen zu Déjeuner en Paix. Während sich Texter Djian im letzeren nichts weiter wünscht, als einmal in Ruhe frühstücken zu können, und sie ihn fragt, ob er ihr zu Weihnachten ein Kind mache, kann man 1000 vies als seine Antwort auf die Frage verstehen: «Toi et ta foutu verité», singt Eicher, bevor er zum Schluss kommt, dass 1000 Leben und 1000 Männer manchmal nicht genug seien.

... und Neues
Stephan Eicher hat seine elektronischen Maschinen aus den 80er Jahren vom Estrich geholt. Und so sind auf Oh Ironie und anderen Stücken wieder Drumcomputer und, ganz im Zeitgeist technoide Rhytmen zu hören, ohne sich daran anzubiedern. In Traces, in welchem man die Schritte, welche die beschriebenen Spuren noch hören kann, ist der Bolerorhytmus das vorherrschende Element. Maurice Ravel wäre wohl ob dieser Hommage entzückt. In 71/200 nimmt Stephan Eicher gar die Klänge des aufstrebenden Trip Hops auf, ohne in die Melancholie von Portishead zu verfallen. Und bei Forever singt er im Falset, und persifliert, ob bewusst oder unbewusst, Prince.

Nach der Carcassonne Tour blieb Stefan auf Tournée, allerdings nicht als Musiker. Er reiste durch Afrika, Südamerika und Asien. Ein Produkt davon war sein Auftritt am Jazzfestival Montreux, an welchem er mehr Conferencier gespielt hatte und beispielsweise die Thailänderin Sian Charia Pas d' Ami auf thailändisch gesungen hatte. Was - wen wundert's - auch bestens funktioniert hatte. In einem Interview mit Nick Joyce erzählte Stephan Eicher, dass ihn die Armut in der dritten Welt verändert hat. Wenn man das Album hört, so glaubt man ihm das. Auch wenn die Kritiker etwas das Gegenteil behaupten, 1000 vies ist möglicherweise der Höhepunkt in Eichers Karriere. Und wenn er es nicht ist, so ist es vielleicht der Wendepunkt in seiner Karriere.

Tracklisting:

Bones
Dis Moi Où
Der Rand Der Welt
1000 Vies
Elle Mal Etreint
Traces
Walking
In Wolken
71/200
Prière Du Matin
Forever
Oh Ironie

Stephan Eicher
1000 Vies
Barclay 533 173-2

Notenraster:
* Geld verschwendet
* * Eine EP hätts getan
* * * Okay
* * * * gutes Album
* * * * * we are pleased
* * * * * * Meisterwerk

Links:
http://www.stephaneicher.com
   

Die weiteren Artikel über Stephan Eicher von Yves Baer:

Des Hauts Sans Bas (Carcassonne, 1993)
Keltische Campari Sodas (Louanges, 1996)
Eine einfache Frage nebenbei (Stephan Eicher spielt für Kofi Annan, 2001)
Putain, l'européain chante au DRS 3, (Promokonzert Taxi Europa, 2003)

... und ausserdem:
• Fotostrecke Stephan Eicher live im Radiostudio Zürich, Juni 2003