Musicus
Alles andere als eine abgewrackte Aufnahme
5. November 2010
Mit «Wreckorder» legt Fran Healy ein Album vor, das den besten Travis-Alben ebenbürtig ist. Und das, obwohl er während den Aufnahmen zum Vegetarier mutierte.

Bewertung: * * * * * 1/2

Solo-Debutalben nach einer erfolgreichen Band sind eine Sache für sich, denn meistens sind sie schnell vergessen, wie zum Beispiel Jarvis Cockers «Jarvis» (2006). Ausnahmen gibt es: Büne Hubers «Honigmelonemond» (2000) wäre noch immer das beste Patent Ochsner Album. John Lennons «Plastic Ono Band» (1970) ist eine Wucht von Album, während Pauls «McCartney» (1970), trotz «Junk» und «Maybe I’m Amazed» den mediokren Ruf seines Solowerks begründete – auch wenn das Album vierzig Jahre später bei den Indie-Rockern der jüngsten Generation Kultstatus geniesst, anno dazumals von den Kritikern verrissen und heute bei jeder Veröffentlichung als Referenz paulscher Kreativität herbeigezogen wird und Macca der erfolgreichste Solomusiker ist. Die Bandbreite für «Wreckorder» von Travis Sänger und Bandleader Fran Healy enthält also das ganze Farbspekturm des Regenbogens.

Die elf Songs des Albums kommen rauer daher als zuletzt die Arbeiten von Travis. Im Unterschied zu «Ode To J. Smith», mit dem Travis vor zwei Jahren ein fluminantes Comeback feierten, besinnt sich Fran Healy solo auf seine stillere Seite. Hatte er damals eine neue Gitarre gekauft, die er spielen wollte, zelebriert beim flüchtigen Hinhören seine musikalischen Grundwerte in Form von Klavier und seiner melancholischen Stimme. Entgegen der Meinung vieler Kritikerkollegen gilt es festzuhalten, dass die Stücke, die es am ehsten auf ein Album von Travis geschafft hätten, auch die schwächsten sind. Schwach, weil sie vertraut klingen. Denn Fran Healy kann mehr als nur schön singen. Er croont sich vom rauen Bass ins höchste Falsett und lässt dabei seine Begleitmusiker synkopisieren und off beat spielen, dass es eine Freude ist. Überall dort, wo sich Healy vom glattpolierten, Popradio tauglichen Viervierteltakt löst und ihm das jazzige Feeling des ungenauen Exakten gibt.

So wie es geschieht
2001 galten Travis nach ihrem formidablen Album «The Invisible Band» als the next big thing. «Sing» machte süchtig, «Side» war eine ordentliche Single und «Flower In The Window» profitierte vom Gerücht, dass niemand geringerer denn Sir Paul McCartney Travis half, den Song fertig zu schreiben. Als sich nun Fran Healy neun Jahre später an die Aufnahmen von «Wreckorder» machte, realisierte er nach eigenen Angaben, dass der Bass, der den Boden eines jeden Musikstücks legt, oft der diffizilste Part ist. Der Song «As It Comes» begeistert von Healys rauen Gesang und den Off Beat eingespielten Rhytmen, doch er wusste nicht, wie er den Song erden sollte. Und so fragte er sich, wer der beste Bassist der Welt ist, Paul McCartney kam ihm spontan in den Sinn. Healy setzte sich hin und schrieb Macca, dass er ihn für den besten Bassisten hielte und beim Mittagessen Frau und Kinder überzeugte, Vegetarier zu werden. Ob er nicht bei «As It Comes» den Bass spielen möchte. «Die meisten Leute wollen McCartney nur wegen seines Gesichts und Namens. Ich aber wollte bloss sein Bassspiel», erzählt Fran dem Visions. Sir Paul war gebauchpinselt und spielte den Bass.

Beim ersten Hören denkt man, dass der Bass unanständig in den Vordergrund gemischt wurde und in seinem sturen Viervierteltakt den Off Beat Rhytmus des Rests konterkariert. Noch während der Song läuft, drückt man die Repeattaste, denn genau auf dem ersten Blick langweilige Bassspiel der Gegensatz von gestrenger Genaugikeit zur freien Ungenauigkeit macht den Charme des Songs aus. Gegensätze ziehen sich an, nicht nur in der Ehe. In «Sing Me To Sleep» holte Fran Healy die amrikanische Singer/Songwirterin Neko Case ins Studio. Mit dem Erfolg, dass Healy mit seiner Tenorstimme mit Nekos Altstimme konterkarierend harmoniert.

 

fran healy hut

wreckorder

Tracklist:
In The Morning
Anything
Sing Me To Sleep
Fly In The Ointment
As It Comes
Buttercups
Shadow Boxing
Holiday
Rocking Chair
Moonshine
Sierra Leone

 

 

Links:
Fran Healy
Travis



Notenraster:
* Geld verschwendet
* * Eine EP hätts getan
* * * Okay
* * * * gutes Album
* * * * * we are pleased
* * * * * * Meisterwerk

Mehr über Fran Healy und Travis:

Ode an einen Normalsterblichen (2008 – Ode To J. Smith)
Nett zurück (2007 – The Boy Without Name)
Achtung Suchtgefahr! (2001 – The Invisible Band)