«Fuck a duck, that’s Paul!»
16. Mai 1980
Obwohl «McCartney II» zunächst gar nicht veröffentlicht werden sollte, wurde es ein Nummer 1 Album. Es ist Pauls sperrigstes und schrägstes Album und wurde 1980 verkannt. Heute gilt es als ein Pionieralbum des Elektropops. Und die Single «Coming Up» inspirierte John Lennon ein letztes Mal.
Bewertung:
* * * * * 1/2


Links zu den einzelnen Kapiteln
zermürbend schlechte Presse trotz Rhodium Schallplatte
1980: McCartneys Verhaftung und John Lennons Ermordung
Vorläufer des Elektropop
Vorsicht, willkommen, ja
«Coming Up» oder die Rivalität mit John Lennon
konventionelle Songperlen
das Archive Collection ReIssue von 2011
die Singles 1979/80
die Videoclips
die Bruchlandung der Wings
 Rezeption und Statistik


Mitte der 1960er-Jahre wollte Paul ein Album aufnehmen, das er ohne die Beatles, veröffentlichen wollte, das den Titel «Paul McCartney Has Gone Too Far» tragen sollte. Ein Album Namens «Paul McCartney ist zu weit gegangen» hätte damals niemand überrascht. Denn treibende Kraft hinter der bis heute bewunderten musikalischen Spätphase der Beatles, mit Alben wie «Sgt. Pepper» oder «Abbey Road», war Paul. Ein solches Album ist nie erschienen, dennoch findet man in McCartneys Werk immer wieder experimentelle Songs wie «Kreen Akrore» (1970 auf «McCartney») oder «Où Est Le Soleil?» (1989 auf «Flowers In The Dirt») oder gar Alben wie das Trancealbum «Strawberries Ocean Ships Forrest» (1993). Aber auch die «Liverpool Soundcollage» aus dem Jahr 2000 geht in das Kapitel seiner musikalischen Experimente ohne kommerzielle Absichten. Am meisten den Geist des unveröffentlichten Sechzigerjahre-Albums strahlt jedoch das 1980 veröffentlichte «McCartney II» aus.

zermürbend schlechte Presse trotz Rhodium Schallplatte
Im Juli 1979 verbrachte die Familie McCartney ihre Sommerferien, wie die Jahre zuvor, auf der familieneigenen Farm in Schottland. Die Scheune der Lower Ranachan Farm in Campbeltwon auf der Halbinsel Kintyre hatte Paul in ein Aufnahmestudio umgebaut. Hier erarbeitete er viele seiner Songs aus den 1970er-Jahren, und hier spielte er auch einen Grossteil des Albums ein. Seine jüngste Veröffentlichung, «Back To Egg» mit den Wings, war erst vor wenigen Wochen erschienen. Obwohl das Album von Chris Thomas produziert worden war, der als Produzent verantwortlich zeichnete, dass die Sex Pistols halbwegs stimmige Töne aus ihren Instrumenten gedrescht hatten, wollte sich Pauls bis dato rockigstes Album seit den frühren Beatlestagen nicht den Erwartungen entsprechend verkaufen. Für einmal fiel es sowohl bei den Kritikern als auch bei vielen Fans durch. Dies ist der Grund, weshalb «Back To The Egg» bis heute als McCartneys meist unterschätztes Album gilt. Nicht zuletzt, weil er zermürbt durch die andauernd schlechte Presse und den niedrigen Verkäufen das Album – trotz seinen unbestrittenen Qualitäten – selber als Flop wertet.

Das Stottern des McCartney’schen Motors lässt sich aus heutiger Sicht bestens erklären: Paul meinte damals, aus dem ewig gleichen Kreislauf ausbrechen und der Welt beweisen zu müssen, dass er auch ohne die Beatles erfolgreich sein könnte. Dass ihm das auch gelungen war, belegen die Verkaufszahlen. Paul McCartney ist der erfolgreichste Musiker der 1970er-Jahre. Das ganze Jahrzehnt und daüber hinaus jedoch musste er die unverdient harschen Kritiken an seinem Werk ertragen, die oft genug unter die Gürtellinie gezielt hatte – eine Erfahrung, die John Lennon seit seiner Liebesbeziehung mit Yoko Ono auch machen musste. Bei Paul war der Grund, dass ihm die Medien noch immer nicht verziehen hatten, dass er 1970 das Erscheinen des Albums «McCarrtney» benutzt hatte, um das de facto bereits vollzogene Ende der Beatles auch öffentlich zu machen. Dennoch verkaufte Paul McCartney Ende der 1970er-Jahre mehr Alben als die Beatles als Band und seine übrigen Bandkollegen George Harrison, Ringo Starr und John Lennon zusammen.

mccartney 1979 wings
Paul und Linda McCartney, Laurence Juber, Steve Holley und Denny Laine, die letzte Wings-Besetzung 1979, als Paul bereits die Songs zu «McCartney 2» eingespielt hatte.


Weil Paul McCartney und die Wings zu den kommerziell erfolgreichsten Künstlern der 1970er-Jahre gehören und Paul schon während der 1960er-Jahre mit den Beatles, also während fast zwei Jahrzehnten, ausserordentlich gute Verkäufe, wenn er nicht gleich neue Rekordmarken gesetzt hatte, wurde ihm 1979 durch das Guiness Buch der Rekorde eine Rhodium Schallplatte als erfolgreichster Musiker aller Zeiten verliehen. Bis heute ist er der einzige Künstler, der diese Auszeichnung erhalten hat, weshalb sie auch nach beinahe vier Jahrzehnten bestand hat.

1980: McCartneys Verhaftung und John Lennons Ermordung

Nichts desto Trotz stehen die Jahre 1979/80 als schwierige Jahre in Pauls Biografie. Nach einer England-Tour mit den Wings Ende 1979 kamen die Aufnahmen für ein weiteres Albumnicht mehr richtig in Schwung. Am 16. Januar 1980 wurde Paul bei der Einreise nach Japan auf dem Narita Airport in Tokio verhaftet, weil er in seinem Gepäck 500 Gramm Marihuana mit sich geführt hatte. Ihm drohten bis zu sieben Jahren Gefängnis «Meine erste Nacht im Gefängnis war die schlimmste. Ich konnte nicht schlafen. Ich hatte Angst, meine Familie auf Jahre nicht mehr zu sehen», erzählt Paul.

Seine grösste Angst war, vergewaltigt zu werden. Da ihn die Mitgefangenen erkannt hatten, war nichts geschehen, auch nicht beim gemeinsamen Duschen. Seine Gitarre war ihm in der Zelle nicht gestattet, doch Paul hatte zusammen mit seinen Mitgefangenen gesungen. John Lennon, nachdem er von Pauls Verhaftung gehört hatte, stellte sich vor, wie Paul von seinen Mitgefangenen gezwungen würde, «Yesterday» zu singen. Tatsächlich sang er mit ihnen «Yesterday», weil sie es von ihm lernen wollten. Fast eine halbe Woche lang markierten die japanischen Behörden die harten Jungs und schickten auch den englischen Botschafter unverrichterer Dinge nach Hause. Dann kam Bewegung in die Sache – Verschwörungstheorien erzählen entweder, dass es Yoko Ono gewesen sei, die Paul verhaften liess, oder aber, dass sie ihren Einfluss geltend gemacht hatte, dass er entlassen wurde. Fakt ist, dass Paul als Insasse 22 zehn Tage im Gefängnis verbracht hatte und danach nach Grossbritannien abgeschoben wurde.

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Die japanischen Behörden führen a 16. Januar 1980 Paul McCartney in Handschellen ab, weil in seinem Koffer 500 Gramm Marihuana gefunden worden war. Zehn Tage sollte er als Insasse 22 im Gefängnis verbringen.


und im Dezember wurde Pauls Freund und kongenialer Songwritingpartner aus den 60er-Jahren, John Lennon, von Mark David Chapman, einem schizophrenen Beatles Fan, ermordet. Zur gleichen Zeit setzte die Computerisierung der Popmusik ein. Grösser könnte die Differenz zwischen dem rockigen «Back To The Egg» und dem experimentellen «McCartney II» nicht ausfallen. Es war fast so wie in den Sechziger Jahren, als man als Fan sich nicht sicher sein konnte, was McCartney als nächstes veröffentlichen würde. «McCartney II» ist ein Meilenstein für den Elektropop, wie man aus heutiger Sicht weiss. Dennoch gelang es Paul nicht mehr, als Visionär und Trendsetter, Massstäbe zu setzen.

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Linda McCartney dokumentierte 1979 Paul im Spirit of Ranachan Studio in Campeltown, das in der Deluxe Version der Archive Collection Wiederveröffentlichung publiziert ist.


Vorläufer des Elektropop
Begonnen hatte das Projekt damit, dass Paul ohne jegliche Song- und Veröffentlichungsabsicht für zwei Wochen mit dem Synthesizer herumspielen wollte. Es wurden schlussendlich sechs Wochen, die Paul 1980 in Interviews als totale Freiheit bezeichnet hatte. Wie er anlässlich der Veröffentlichung im TV Special «Meet Paul McCartney» sagte, hätte er mit dem Wissen um eine Veröffentlichung ordentlich Bammel gekriegt. Synthesizer und verschiedene Bandgeschwindigkeiten Dass die andauernd nicht objektiven, schlechten Rezensionen nicht spurlos an Paul vorüber gingen, erklärte er 2011 anlässlich der Wiederveröffentlichung von «McCartney II» in der Archive Collection: «Es war eine Art von Rückzug von allem (…) Grundsätzlich dokumentiert (das Album) bloss meine Entdeckung des Synthesizers». Und er ergänzt im Hinblick auf das mediokre Medienecho von damals: «Wir hatten auf unsere Kritiker gehört, was wirklich schade ist. Deshalb war es schön, endlich aus dem Tunnel zu herauszukommen.»

Mal nicht auf die Kritiker zu hören hiess auch, dass Paul weniger am Ausarbeiten ausgefeilter Songs denn am Ausloten der Möglichkeiten des Synthesizers interessiert war. Gleichzeitig experimentierte er mit verschiedenen Bandgeschwindigkeiten. Er nahm seinen Gesang auf und variierte ihn über eine Vari-Speed-Maschine. Liess Paul das Band schneller laufen, war seine Stimme höher, lief es langsamer, klang seine Stimme tiefer und verzerrter. Bei den heutigen digitalen Aufnahmen läuft die Stimme schneller oder langsamer, ohne dabei ihre Tonhöhe zu variieren.

Aus heutiger Sicht versetzt einem das Album in Staunen, denn obwohl er es mit einem Synthesizer eingespielt hatte, hatte er 1979 mit den klassischen Tonband Maschinen aufgenommen. Entstanden «Sgt. Pepper» oder «McCartney» (1970) auf Vier-Spur-Tonband-Geräten von Studer, verwendete Paul 1979 bei den Aufnahmen zu «McCartney II» ein 16-Spur-Tonband von Studer, das er als glorified cassette recorder bezeichnete. Was aus heutiger Sicht absurd klingt, Elektropop mit analogen Geräten aufzunehmen, war damals Standard, die ersten digitalen Geräte kamen in den 80er-Jahren auf den Markt. Und Paul McCartney war mit «Tug Of War» 1982 einer der ersten, der auf die digitale Aufnahmetechnik gesetzt hatte. Auch Boris Blank von den Zürcher Technopionieren nahm Anfang der 80er-Jahre noch analog auf.

Vorsicht, willkommen, ja
Als erster Song entstand «Check My Machine», die spätere B-Seite der Single «Waterfalls». Er ist Pauls Spielerei, um die Verkabelung seines Synthesizers zu überprüfen. «Er benötigte dazu überhaupt keinen Tontechniker, der ihm zur Seite stand», erzählte Pauls langjähriger Tontechniker Eddie Klein, «er wollte viel mehr die Möglichkeit haben, aufzunehmen, wann immer ihm der Sinn danach stand.» «Check My Machine» macht klar, wohin McCartneys Fahrt aus dem Kritikertunnel führen sollte: Zu Musik, die er ohne Rücksicht auf Verluste einspielte. Ein Rezept, das er in den 90er- und 00er-Jahren noch öfter anwenden sollte.

Zunächst beginnt «Check My Machine» mit dem Dialog «Hi George» – «Morning Terry», dann folgen verfremdete Schreie, bevor ein stolpernder Gitarren-Loop einsetzt, über den Paul im Falsett und mit erhöhter Bandgeschwindigkeit «Check My Machine» ruft, das durch eine Echomaschine Wah-Wah-ähnliche Stimmeffekte erzeugt, wobei Pauls Gesang an David Gilmours Gitarre erinnert. Passend zum Rhythmus der Gitarre versucht sich Paul im Scat versucht. Am Schluss mokiert sich er sich wieder als George und Terry über die Medien: «Here come the brit journals. British journies with their tape machines.» – Und dann auf Deutsch: «Vorsicht! Willkommen! Ja, ja, ja.» Auf der Bonus CD der Wiederveröffentlichung von 2011 ist auch die ungeschnittene, 7 Minuten 25 lange Version verfügbar, der allerdings der Humor fehlt, dafür mit noch mehr Drumeffekten.

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Die «Archive Collection Deluxe Version» von 2011 zeigt verworfene Cover für das Album. Besonders dieses Foto, ein Auschnitt eines verworfenen Backcovers, hätte mit Paul als halber Maschinenmensch den Charakter der Musik treffend eingefangen. – Foto: Linda McCartney


«Nobody Knows» ist wie «Check My Machine» ein Synthesizersong, dieses Mal mit künstlichen Flöten. Er war ebenfalls einer der ersten, den Paul für das Album eingespielt hat. Aufgenommen hatte er im Front Parlour der Farm, also in einer Art Vorraum des Hauses, der einen kleinen Kamin hatte. Die Wände waren mit Wellkarton isoliert. Im Front Parlour standen die Aufnahmemaschinen, das Schlagzeug war in der Toilette, die Küche hatte als Echokammer gedient.

«Darkroom» ist die Quintessenz des Albums. Sowohl Synthesizer Sounds als auch die über die Vari-Speed-Maschine veränderte Stimme setzten sich zu einem Ganzen zusammen, das den experimentellen Beatles Songs in nichts nachsteht. Obwohl sich Paul in Interviews bezüglich des Titels Image polierend naiv gab, ist klar, was mit der Dunkelkammer gemeint ist: «Dieser Song nicht unbedingt mit Linda (als Fotografin) zu tun, sondern es könnte ein dunkel angemalter Raum sein oder ein Junge, der sein Mädchen in seinen Darkroom bittet.» In Discos ist der Darkroom schlicht der Raum, worin es sexuell zur Sache geht.

«Coming Up» oder die Rivalität zwischen John und Paul
Die Aufnahmen zu «McCartney II» führte Paul nach seinem persönlichen Schema F durch: Zunächst nahm er einen Schlagzeugtrack auf, später fügte er Gitarre und Bass hinzu (siehe dazu auch «Band On The Run» oder «Electric Arguments».) Dieses schichtweise Modellieren der Songs erinnert ihn an Töpfern: «Es ähnelt stark dem Modellieren mit Ton, wo du dasitzt und einfach einige Klumpen Ton nimmst, die du nach und nach zu einem Gesicht oder einer Vase formst». Was «McCartney II» sein soll, lassen wir offen. Sicher ist, dass Paul Anfang der 80er-Jahre als Hobby zu malen begann. Hier trägt man Schicht um Schicht auf. Und in ab Ende der 90er-Jahre begann wie in «Watercolour Guitars» musikalisch zu malen.

«Coming Up» entstand in dieser schichtenden Art. Ein Song, dessen funkiges Fundament elektronisch verfremdet wurde. Seit ihrem ersten Zusammentreffen 1957 waren John Lennon und Paul McCartney die grössten Freunde. Dennoch war ein jeder eifersüchtig auf das musikalische Talent des anderen. Und so stachelten sie sich in den Sechzigern zu immer besseren Songs an, um einander gegenseitig zu übertrumpfen. Zwar erschienen von Mitte der 60er-Jahre an noch alle Songs unter der Marke Lennon/McCartney, dies entsprach jedoch in den wenigsten Fällen noch den Tatsachen, besonders beim Weissen Album war es John Lennon mit Begleitband oder Paul McCartney mit Begleitband. Nach der Trennung der Beatles war John und Pauls musikalische Rivalität für fast ein Jahrzehnt eingeschlafen. Erst mit «Coming Up» im Frühjahr 1980 erwachte sie zu neuem Leben.

Lennons Assistent Fred Seaman wurde Zeuge der Begebenheit und beschrieb sie in seinem Tagebuch. John hatte uninteressiert am Regler seines Autoradios gedreht und dabei zwei Beatles Songs kommentarlos weggedreht. Bei Beatles Songs hätte er sich an ihre Aufnahme oder die dazugehörigen Streitereien erinnert. Als er nun Pauls Stimme mit einem neuem Song erkannte hatte, hätte John zunächst die Stirn gerunzelt und dann begeistert «Fick die Henne, das ist Paul!» gerufen. Danach drehte er das Radio lauter und begann zum Rhythmus des Songs zu nicken. Es war die Studioversion der Single. Als der Ansager in der Abmoderation erwähnte, dass Paul alle Instrumente selbst gespielt hätte, hatte John etwas in der Art von «das ist typisch Paul, er wäre schon immer am liebsten ein Ein-Mann-Orchester gewesen. Dennoch beauftragte er Fred Seaman, «McCartney II» zu kaufen. Als Seaman anderntags zu John ins Appartement im Dakota Gebäude kam, sagte dieser fröhlich: «Ich werde noch verrückt», und summte «Coming Up».

Gemäss Seamann zollte John Paul gemäss Fred Seaman Anerkennung, weil er etwas Neues versucht hatte und einen derart gewagten Versuch veröffentlicht hatte. Seaman hegte den Verdacht, dass Lennon sich in seiner Rolle als Hausmann bestätigt sah, solange Paul nach seiner Ansicht nach bloss Dutzendware veröffentlicht hatte. «Coming Up» jedoch stachelte seinen Ehrgeiz wieder an. Im Sommer 1980 schrieb er ein Dutzend Songs, wovon er die Hälfte im November auf den Album «Double Fantasy» veröffentlichen sollte. Bis zu seinem Tod am 8. Dezember arbeitete er weiter am restlichen Material, das 1983 und 1986 posthum auf den Alben «Milk & Honey» und «Menlove Avenue» veröffentlicht wurde.

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Lindas Foto von Paul an einem Infinty Pool (zu deutsch Unendlichkeitsbecken) wurde für das Innencover des Albums verwendet, das in einem Klappcover erschien. Die McCartneys machten damals in Jamaica Urlaub. Heute gehört dieser Pool Ralph Lauren. – Foto: paulmccartney.com

Paul weiss um die Tatsache, dass er seinen Jugendfreund zu dessen letzten Effort anstacheln konnte: «Ich bin sehr stolz auf ‹Coming Up›, weil der Song John inspiriert hat… Und er danach dachte: ‹ich kneif mich besser in den Arsch und schreibe gute Musik›». Johns Ballade für seinen fünfjährigen Sohn Sean, «Beautiful Boy» auf «Double Fantasy», ist einer seiner Lieblingssongs von John.

konventionelle Songperlen
John Lennon bezeichnete das Album als noch nicht ausgegoren. Sein Urteil kam möglicherweise zustande, dass Paul vier konventionelle Songs auf das Album gepackt hatte. Der erste dieser Songs ist «On The Way». Konventionell im Sinne, weil Paul die Gitarre und nicht den Synthesizer benützt. Obwohl McCartney ein grosser Liebhaber des Blues ist, sind Bluessongs bis heute die Rarität in seinem Katalog. Und «On The Way» ist ein klassischer Zwölftakter. Paul wäre nicht sich selbst, wenn er hier nicht auch die ausgetretenen Pfade spiegelverkehrt gegangen wäre und die Ergebnisse veröffentlicht hätte. War David Gilmour von Pink Floyd mit seinen Echo-Effekten einer der prägendsten Gitarristen der 70er-Jahre, beliess Paul die Gitarre, wie er sie gespielt hatte, führte aber seine Stimme durch ein Echo-Gerät. Ein gekonntes, aber auch für Ohren aus dem 21. Jahrhundert ein gewöhnungsbedürftiges Klangexperiment. Zu Beginn hatte Paul die Schlagzeug- und Bassspur aufgenommen und den Song einen Monat ruhen lassen. Nachdem er eine Dokumentation über Blues gesehen hatte, vollendete er die Aufnahme.

Der nächste in der konventionellen Gruppe ist «Waterfalls». Der dritte Song, der trotz seiner technischen Spielereien zur Gruppe gehört, ist «Boogey Music». Das Stück ist ein Höhepunkt auf dem Album, bei dem Saxophone den Rock'n'Roll Rhythmus spielen. Der Text basiert auf dem Kinderbuch «Fungus The Boogeyman». Die Boogeymen mögen alles, was die Menschen nicht mögen, leben unter der Erdoberfläche und kommen nur Nachts hervor, um die Menschen zu erschrecken. Jemand hatte Paul das Buch gesandt, weil er Musik zu einem Film gewünscht hatte. «Dieses Buch lag im Studio herum und eines Tages schlug ich zufällig die Seite auf, wo die jungen Leute aus dem Boogeyland gegen die alten Machthaber und Machenschaften zu rebellieren begannen. So entstand der Song», erzählt Paul.

Der vierte der konventionellen Songs ist «One Of These Days», der das Album in Wohlklang ausklingen lässt. Paul zupft die akustische Gitarre, die entfernt an «Blackbird» erinnert. Der Song entstand, als ein Hare Krishna Jünger bei Paul aufgekreuzt war. «Nachdem er gegangen war, ging ich ins Studio und dieser positive Eindruck hing noch ein wenig nach.»

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Volle Hingabe zur Musik. Linda McCartney hielt diesen innigen Schaffensmoment fotografisch fest. Paul im Sommer 1979 während den Aufnahmen, deren Ergebnis zu «McCartney II» führen sollte.

das Archive Collection ReIssue von 2011
Hätte John aber gewusst, dass «McCartney II» ursprünglich als Doppelalbum geplant gewesen war, hätte er sein Urteil womöglich revidiert. Während der 80er-Jahre plante McCartney ein Album mit dem Titel «Hot Hitz And Cold Cutz» mit unveröffentlichtem Material zu veröffentlichen. Auf verschiedenen Bootlegs mit den Namen «Cold Cuts» «Studio Outtakes» oder «The Unreleased McCartney Album» sind Songs wie «Mr. H. Atom», «All You Horseriders» oder «Boogey Wobble» aus den «McCartney II» Sessions erschienen. Mit ihrer Veröffentlichung auf der Bonus CD der Archive-Collection hat Paul den Bootleggern ein Schnippchen geschlagen, denn auch die unveröffentlichten Songs sind alle digital remastered. Womit es noch einen Grund weniger gibt, die Raubkopien zu kaufen.

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Paul McCartney & The Plastic Macs. Paul und Linda in zig Rollen. Standbild von paulmccartney.com aus dem Videoclip zu «Coming Up».


die Singles
1979/80
Die erste Single aus dem Album war «Coming Up». Zumindest das englische Publikum kannte den Song bereits, denn die Wings hatten ihn auf der Dezembertour 1979 durch England in ihrem Programm. Beim Abschlusskonzert in Glasgow am 17. Dezember tanzte ein Junge in der ersten Reihe derart ausgelassen zum Song, dass Paul die Gewissheit hatte, dass der Song ein Hit werden würde. Entgegen seiner Gewohnheit, keine unveröffentlichten Songs zu spielen, weil sie bei ihrem Erscheinen ein alter Hut wären, hatte er «Coming Up» ins Liveprogramm.

Die Wings, wie bei der Welttour von 1975/76 mit einer Bläsersektion ausgestattet, spielten den Song funkig ein. Paul zeichnet jedes seiner Konzerte auf. Das Konzert von Glasgow war im April 1980 für ein Livealbum von Eddie Klein abgemischt worden, das nie offiziell, aber auf Bootlegs wie «Last Flight» erschien. Paul verwendete die Liveversion von «Coming Up» auf der B-Seite der Single und unterschied damals in Interviews zwischen der Solo- und der Wings-Version. Die Soloversion hätte er nie mit den Wings veröffentlicht, da er sie zu seinem eigenen Amüsement aufgenommen hatte. Ende 1979 war das Ende der Wings aber noch nicht besiegelt, weshalb auch eine Neueinspielung mit der Band für die kommende Single denkbar gewesen war

Der zweite Song auf der B-Seite, «Lunch Box/Odd Sox», war der erste Song, den die Wings 1974 in Nashville 1974 bei den Sessions zu «Venus And Mars» eingespielt haben. Eine zweite Live-Version von «Coming Up» erschien Anfang 1980 auf dem Benefiz-Sampler «Concert For The People Of Kambuchea», bei dem die Wings eine zusätzliche Strophe gesungen haben. Als zweite Single wurde «Waterfalls» ausgekoppelt. Sie gilt als typische McCartney Klavierballade. Mit dem Unterschied, dass sie auf einem elektrischen Piano statt auf einem Flügel eingespielt worden war. Es war der einzige Song des Albums, den Paul geschrieben hatte, bevor er ihn aufgenommen hatte. «Als ich ungefähr die Hälfte des Materials aufgenommen hatte, begann mich (die spontane Arbeitsweise) zu langweilen. So entschied ich mich, einen Song aufzunehmen, den ich bereits geschrieben hatte. Zu dieser Zeit war ‹Waterfalls› mein Lieblingsstück.» Das war auch der Grund, weshalb Paul den Song auf das Album genommen hatte.

«Temporary Secretary», ein in Briefform gehaltener Song, worin der Ich-Erzähler eine Teilzeit-Sekretärin anfordert, wurde als dritte Single ausgekoppelt. Hier experimentierte Paul ebenfalls mit der Vari-Speed-Maschine. «Der Sound, der ein wenig wie eine Weltraumschreibmaschine klingt, ist der einer Sequenzermaschine. Ich benutzte sie, um mir das Tempo vorgeben zu lassen».


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«Don't go chasing polar bears in the great unknown / Some big friendly polar bear might want to take you home», so die zweite Strophe von «Waterfalls». Im Videoclip dazu wurde Olaf, ein für Zirkuseinsätze dressierter Eisbär eingesetzt. Standbild aus dem Videoclip zu «Waterfalls».

die Videoclips
MTV ging erst 1982 auf Sendung. Im Gegensatz zu John Lennon drehte Paul McCartney immer Werbevideos zu seinen Songs. So auch zu «Coming Up», in welchem er das Musikbusiness und sich selbst auf die Schippe nimmt und mit Ehefrau Linda sämtliche Rollen von Beatle Paul über Buddy Holly, dem Bluesrocker, dem Alpöhi, dem Discofritzen bis hin zum Solo-Paul anno 1980, spielte. Das Video wurde von Keith MacMillan in zwei Tagen gedreht. Paul parodierte sich selbst 1964 und 1980, Buddy Holly, Hank Marvin, Ginger Baker (The Cream), Frank Zappa, Andy MacKay und Ronnie Wood.


die Bruchlandung der Wings
Probelmatisch stellte sich der Song «Frozen Jap» heraus. Aufgenommen im Sommer 1979, spielte Paul auf seinem Synthesizer herum und hatte das Gefühl, eine orientalische Melodie komponiert zu haben weshalb er als Arbeitstitel «Frozen Jap» gab. Im Kopf hatte er eine Stimmung, die zum Titel «Christianied wonder around Mount Fuji», der heilige Berg mit Schnee auf seinem Gipfel, passen würde. Paul wollte etwas freundliches schreiben. Frozen stand für das Eis, Jap für das orientalische. Nach der Verhaftung im Janaur 1980 Tokyo wollte Paul die Japaner nicht weiter verärgern, weshalb der Song in Japan als «Frozen Japanese» veröffentlicht wurde. Für Paul war es eine grenzwertige Angelegenheit, denn im Westen bezeichnen sich viele Japaner als Japsen, während dies im Japan als Beleidigung aufgefasst wurde.

Doch was war geschehen? In der Dokumentation «Wingspan» erzählt Paul, dass er die ständigen Lineup-Wechsel der Wings satt hatte. Und dass er die Geschichte in Japan wohl unbewusst heraufbeschworen hatte. Fakt ist, dass Paul am 16. Januar 1980 bei der Einreise nach Japan mit 219 Gramm Marihuana im Koffer verhaftet wurde und zehn Tage lang im Gefängnis fristen musste. Es waren die einzigen zehn Nächte, in denen sich das Ehepaar Paul und Linda McCartney nicht das Schlafzimmer geteilt hatten.

Die Verhaftung Pauls und die abgesagte Japan-Tour der Wings bedeutete deren Ende, auch wenn Songs, die bereits zu Wings Zeiten eingespielt oder vorgespurt wurden, noch auf den nachfolgenden Alben «Tug Of War» 1982 und «Pipes Of Peace» 1983 erschienen sind.

Rezeption und Statistik
Die funkige Liveversion von «Coming Up» auf der A-Seite der US-Single eroberte die Chartspitze, während der experimentelle Synthesizer-Song in England bloss Platz 2 erreichte. Das erklärt, weshalb die Live-Version auf der amerikanischen Version von «All The Best» (1987) und der Dokumentaion «Wingspan» (2001) zu hören ist. Nochmals die Chartspitze eroberte die Single in Kanada. Weitere zweite Plätze gab es in Norwegen und Neuseeland. In Deutschland belegte «Coming Up» Rang 11, in Österreich 15 und in Holland Platz 20. In der Schweiz konnte sich die Single nicht klassieren. 1981 war «Coming Up» für den Grammy in der Kategorie Best Rock Vocal Performance nominiert gewesen.

Die beiden weiteren Singleauskoppelungen, «Waterfalls» und «Temporary Secretary» hatten einen schwierigen Stand: «Waterfalls» erreichte in England und Norwegen Platz 9, in Neu Seeland 15, in Deutschland 55. In den USA war es Pauls erste Single, welche die Top 100 verpasste und sich auf Rang 106 klassierte. In der Schweiz konnte sich diese Single nicht platzieren. Auf die Frage, welche Single sich besser verkaufen hätte können, meinte Paul einmal: «Waterfalls».

Nirgendwo auf der Welt platzierte sich «Temporary Secretary». Die Single wurde in einer limitierten Version von 25 000 Exemplaren veröffentlicht. Beide Songs erlebten ein Vierteljahrhundert nach ihrer Veröffentlichung im Vorprogramm von Pauls «04 Summer Tour» ihre Renaissance als Remix und wurden 2005 auf dem Remix-Album «Twin Freaks» veröffentlicht. «Temporary Secretary» wurde 2004 als Remix ein Clubhit.

«McCartney 2» erreichte in England Rang 1, in den USA Rang 3. In beiden Ländern gab es eine Goldschallplatte. Weitere Topten Platzierungen gab es in Frankreich mit Platz 2, Österreich mit einem 4 Platz, auf Rang 5 kletterte es in Kanada, Schweden, Norwegen und Neuseeland. In Australien Platz 6, in Spanien Platz 7, in Japan Rang 8. In Deutschland kam es mit Platz 19 und in Holland mit Platz 20 knapp in die Top 20. Die Wiederveröffentlichung in der Archive Collection klassierte sich in Spanien auf Platz 85, in Frankreich 185, in England 108, Japan 32 und in den USA 82.

Die Videoclips von «Coming Up», «Waterfalls» und «Wonderful Christmastime» sind in der 2007 erschienenen Videosammlung «The McCartney Years» digital restauriert erhältlich.

«McCartney II» ruft auch bei der Wiederveröffentlichung mit dem kompletten Material, drei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung es Originalalbums und dem Wissen um die Musikentwicklung in den 80er- und 90er-Jahren, Reaktionen von Nonsens bis Geniestreich hervor. Mit «Temporary Secretary», «Check My Machine» und «All You Horserides» schafften es 2013 gleich drei Songs in die Liste der 12 bizarrsten McCartneysongs des Rolling Stone.
Dasselbe Rolling Stone platzierte aber «Waterfalls» in der Liste von McCartneys besten Songs nach der Beatlestrennung auf Platz 16 und «Temporary Secretray» afu Platz 36.

mccartney mccartney2 kirschbaumbluete cherrys 1980
Paul posiert unter der Kirschbaumblüte. Im Januar wurde er in Japan, wo die Kirschbaumblüte das grösste Frühlingsfest ist, wegen Marihuanabesitzes festgenommen – was zugleich das Ende der Wings bedeutete.


mccartney2

Tracklist Originalalbum:
Coming Up
Temporary Secretary
On The Way
Waterfalls
Nobody Knows
Front Parlour
Summer's Day Song
Frozen Jap
Bogey Music
Darkroom
One Of These Days

Archiv Bonus:
CD 2
Blue Sway (with Richard Niles Orchestration)
Coming Up (Live At Glasgow, 1979)
Check My Machine (Edit)
Bogey Wobble
Secret Friend
Mr H Atom / You Know I'll Get you Baby
Wonderful Christmastime (Edited Version
All You Horse Riders/Blue Sway


CD 3
Coming Up (Full Length Version)
Front Parlour (Full Length Version)
Frozen Jap (Full Length Version)
Darkroom (Full Length Version)
Check My Machine (Full Length Version)
Wonderful Christmastime (Full Length Version)
Summer's Day Song (Original)
Waterfalls (DJ Edit)

DVD
Meet Paul McCartney
Coming Up (Video)
Waterfalls (Video)
Wonderful Christmastime (Video)
Coming Up [Live at Concert for the People of Kampuchea)
Coming Up (taken from a rehearsal session at Lower Gate Farm, 1979)
Making the Coming Up Music Video
Blue Sway
(New Video)

Non LP Single: 1979


Wonderful Christmastime
Rudolph The Red Nosed Reggae


Singles 1980:
Coming Up
comingup

Coming Up
Lunch Box/Odd Sox
Coming Up (live at Glasgow)


Waterfalls

waterfalls

Waterfalls
Check My Machine


Temporary Secretary
temporary secretary

Temporary Secretary
Secret Friend

Archive Collection
Wiederveröffentlichung 2011

mccartney mccartney2 reissue 2011

Neben dem Originalalbum auf CD/Vinyl und Download erschien ein Doppelalbum in denselben Formaten mit den unveröffentlichten Stücken sowie die Deluxe Collection mit dem oben stehenden Inhalt.


Promotion 1980:


promo ad temporary secretary record mirror 1980 mccartney

Promoinserat für die Single «Temporary Secretary» im «Record Mirror »vom 20. September 1980. Wenn man alle Fragen mit Ja beantwortet hat, so steht im Kleindgedruckten. Hat man sicher bemerkt, dass sich McCartney mit einer neuen Single bewirbt. Absenderlogos sind EMI Records und Pauls Firma MPL.

The McCartney Interiew
1980:




Tracklist des ursprünglich geplanten Doppelalbums

Seite 1
Front Parlour
Frozen Jap
All You Horse Riders
Blue Swy

Seite2
Temporary Secretary
On The Way
Mr H Atom
Summer's Day Song
You Know I'll Get You Babe
Bogey Wobble

Seite 3
Darkroom
One Of These Days
Secret Friend
Bogey Music

Seite 4
Check My Soleil
Waterfalls
Nobody Knows
Coming Up


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