bei den Hörnern gepackt
17. Mai 1971
In den Wirren um die juristische und persönliche Trennung der Beatles wurde «RAM» 1971 von den Kritikern verkannt. Doch das Publikum liebte es, Paul erhielt einen Grammy für «Uncle Albert/Admiral Halsey». Heute wird es mit medialem Mea culpa als Meisterwerk betrachtet.
Bewertung: * * * * * *


Links zu den folgenden Themen
das gefühlte Ende der Sixties – die Hintergründe
gespenstisches Vorspielen – Denny Seiwell
vom Widder zur Sau – Streit zwischen Lennon/McCartney
die Songs und «Thrillington» – die Alben von 1971 und 1977
Archive Collection – umfassendes Re-Issue 2012
Rezeption – Kritiken, Verkaufszahlen und Bedeutung


Im Mai 1971 galt Paul McCartney bei vielen als Sündenbock, weil er vor Jahresfrist die Trennung der Beatles verkündet hatte. Folglich musste er für diese Untat bestraft und negativ kritisiert werden. Pauls erstes Soloalbum «McCartney» bot in seiner handgestrickten Art genug Angriffsfläche. Nicht zuletzt, weil es in seiner Schlichtheit das bis auf den letzten Akkord durchkomponierte letzte Beatles-Album «Abbey Road» konterkarierte, das ein Höhepunkt in McCartneys Schaffen ist. Bei «RAM» musste man ein Korinthenkacker sein, um daran kein Gutes Haar zu lassen.

Drei Punkte, die eine objektive Besprechung vorgeben, gilt es zu erwähnen zu Beginn zu erwähnen. Erstens: der Engländer McCartney spielte das Album in New York und Los Angeles mit amerikanischen Musikern ein. Man hört «RAM» Amerika an. Zweitens war Paul von London auf seine Farm in Schottland gezogen und schrieb Songs über das einfache Landleben. Musikalisch sind sie weniger komplex arrangiert als die Songs von «Abbey Road», aber nicht minder gut. Und drittens unterstützte ihn seine Frau Linda beim Songwriting und bei den Aufnahmen. Insgesamt bei sechs Songs, also bei der Hälfte, ist Linda als Co-Autorin aufgeführt. Weshalb das Album als Co-Produktion von Paul und Linda McCartney veröffentlicht wurde. An all diesen Punkten ist per se nichts Negatives.

das gefühlte Ende der Sixties
Insbesondere John Landau vom Rolling Stone, der Jimi Hendrix’ Karriere mit einem Vergleich mit Eric Claptons Cream lancierte, nannte «RAM» kolossal unzusammenhängend und als Tiefpunkt des Zerfalls der Musik der sechziger Jahre. Offensichtlich hatte Landau im Mai 1971 noch nicht realisiert, dass die Sechziger Jahre mit der Trennung der Beatles und dem Tod von Jimi Hendrix und Janis Joplin auch musikalisch vorüber waren (Jim Morrison sollte zwei Monate später ebenfalls sterben). Immerhin muss man Landau zugute halten, dass er zwei Jahre später Pauls «Band On The Run» als das beste Werk bezeichnet hat, das ein Ex-Beatle veröffentlicht habe. Und 1974 schrieb ebendieser John Landau nach einem Konzert von Bruce Springsteen, dass er die Zukunft der Rockmusik gesehen hätte. Landau wurde Springsteens Manager und zeitweise Co-Produzent und so einer der wenigen Kritiker, die ihre musikalische Überzeugungen auch in die Tat umsetzten.

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Linda und Paul bei den Aufnahmen von «RAM». Das Foto wurde für das Cover der Single «Another Day» verwendet.


im Herzen des Landes

Wie schon während des Zerfalls der Beatles 1969, zog sich Paul mit seiner Familie nach der Veröffentlichung von «McCartney» und dem Ende der Beatles auf seine Farm Lower Ranachan in Schottland zurück. Der Sommer 1970 war keine lustige Zeit. Die Farm war noch nicht renoviert und kaum bewohnbar. Es gab kein fliessendes Wasser, Linda musste das Wasser aus einem Brunnen pumpen. Paul litt nach eigenen Angaben an Depressionen. Er war Alkoholiker, konsumierte Drogen und vernachlässigte seine Körperpflege. An manchen Tagen verliess er nicht einmal mehr das Bett. Hinzu kam, dass seine Bankkonten gesperrt worden waren, bis die rechtlichen Fragen der Trennung der Beatles geklärt waren. «Mit dem Ende der Beatles war ich arbeitslos geworden. Wie jeder entlassene Fabrikarbeiter hatte ich damals Existenzängste», erklärte McCartney rückblickend.

Auch der Öffentlichkeit blieb McCartneys Rückzug ein Jahr nach dem Gerücht, dass er gestorben wäre, nicht verborgen. Weshalb das Life Magazine die Reporterin Dorothy Bacon und den Fotografen Terence Spencer aus dem Londoner Büro der Zeitschrift im Spätsommer 1970 auf die Fährten Pauls schickten. Spencer hatte in Kriegsgebieten fotografiert und wandte einen Trick an, um zu Pauls Farm zu gelangen. Um sie zu erreichen, musste man über eine Privatstrasse fahren, die über das Gelände zweier Nachbarfarmen führte. Die schottischen Bauern wiesen sämtliche Fremden ab. Doch Spencer fuhr zur Kirchzeit über die Strasse und klopfte an die Tür von Lower Ranachan. Ein wutentbrannter McCartney öffnete die Türe und warf einen Eimer Abwasser nach den beiden Reportern. Bacon und Spencer traten den Rückzug an. Nach zehn Minuten holte sie Paul mit seinem Land Rover ein. Man sprach sich aus und vereinbarte eine Home Story, die am 16. April 1971, im Vorfeld der Veröffentlichung von «RAM» als Titelgeschichte erschien.

Die Welt konnte eine Geschichte über den damals noch immer vollbärtigen McCartney lesen, der seine Farm eigenhändig renoviert, Schafe züchtet und Songs über das einfache Landleben schreibt. Am deutlichsten drückt dies «Heart Of The Country» aus, worin es u.a. heisst: «Heart of the country where the holy people grow / Heart of the country, smell the grass in the meadow / I want a horse, I wannt a sheep / I wanna get me a good night's sleep living in a home in the heart of the country». Paul der noch vier Jahre zuvor in den Tagen von Swinging London zu den Hipstern gehört hatte und an jeder angesagten Party und Vernissage gesichtet worden war, war mit der Familie häuslich geworden. Mehr noch, er hatte London verlassen und war auf die Halbinsel Kintyre gezogen. Sein Bedürfnis nach Ruhe und einem ruhigen Nachtschlaf war mehr als verständlich, während den Tagen der Beatles wurde seine Wohnung von Fans belagert, so dass er auf abenteuerlichen Wegen über Hausdächer und durch Keller und Nachbarsgärten das Haus verlassen musste. Zudem waren die Beatles in ihrer Spätphase immer nachtaktiver geworden und haben nächtelang durchgearbeitet.

Neuanfang in New York
Jeder der vier Beatles bezeichnete die Trennung der Band in den Jahren 1969 bis 1971 als Kampfscheidung. Gemeinsam hatte man die wilden Tage der Beatlemania durchgestanden und einander Halt gegeben. Als es ruhiger um die Band wurde, entwickelte sich jeder in eine andere Richtung weiter, ihre geschäftlichen und musikalischen Beziehungen zerfielen. Und mit ihnen die Jugendfreundschaften. Pauls kompletter Rückzug zeigt viele Symptome eines Burnouts. Und da war der Aufbruch nach New York, zu einer Zeit, wo John Lennon noch in seiner Villa in Tittenhurst Park in England lebte, eine gute Idee zur Therapie.

mccartney ram 1971 denny seiwell david spinozza hugh mccracken 2011
«RAM» wird nach vier Jahrzehnten Geschichte: Denny Seiwell, Dave Spinozza und Hugh McCracken (von Links nach Rechts) um das Jahr 2010 herum. Spinozza und McCracken spielten beide zunächst für Paul McCartney und dann für John Lennon. McCracken verstarb 2013 an Krebs.


Pauls Frau, Linda Louise Eastman, stammte aus der jüdisch aristokratischen Familie Eastman in London. Ihr Bruder arbeitete in der angesehen Anwaltskanzlei ihres Vaters Lee mit. Einer der wichtigsten Punkte bei der Beatles Trennung war, dass Paul seinen Schwiegervater als neuen Manager der Beatles wollte, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr aber Allen Klein wollten, der einen dubiosen Ruf hatte und von den Rolling Stones entlassen worden war. Nun vertraten die Eastmans Pauls geschäftliche Interessen und sollten, wie das Jahr 1971 zeigte, keine Gerichtsverhandlung scheuen. Im Herbst 1971 verbrachten Paul und Linda und ihre Kinder Mary und Lindas Tochter aus erster Ehe, Heather, den ersten gemeinsamen Urlaub mit der Familie ihres Bruders. Sicher wurden da auch die nächsten geschäftlichen Schritte besprochen. Doch vor allem nutzte Paul die Gelegenheit, um Musik zu machen.

gespenstisches Vorspielen
Über ein paar Kontakte wie Barry Kornfeld liess Paul die Nachricht streuen, dass er Hörproben für Schlagzeuger veranstalten würde. Kornfeld erzählte Denny Seiwell, dass Paul McCartney einen Schlagzeuger suchen würde, aber nichts von den Probespielen. Seiwell war damals auf einem Ringruf abonniert und die gaben ihm einen Termin für den nächsten Tag durch, zehn Uhr morgens. Seiwell erschien pünktlich, wunderte sich aber über das baufällige Haus, worin ein Typ sass. Denny erkundigte sich nach einem Aufnahmestudio und wurde in den Keller gewiesen. «Ich ging ins Untergeschoss und dachte, ich würde überfallen werden. Dann sah ich dort Paul und Linda McCartney dort stehen. ‹Hey, du bist Paul McCartney›, sagte ich», erinnert sich Seiwell an das erste Zusammentreffen. «Yeah, man. Wie geht es dir?», war McCartneys Antwort. «Da stand ein billiges Schlagzeugset, dass sie gemietet hatten… der Boden war schmutzig und ich glaube das Haus hatte keinen elektrischen Strom. Es war wirklich geheim.» Seiwell und McCartney verstanden sich gut beim Vorspiel. Ein paar Tage später engagierte ihn Paul für die anstehenden Aufnahmen, die in den CBS Studios an der 52nd Street im Oktober und November 1970 statt gefunden haben.

Das Vorspielen für Gitarristen fand einem anderen Gebäude statt. Dave Spinozza erinnerte sich, dass er erstaunt war, dass er in einer Art Wartezimmer einige seiner Kollegen getroffen hat. Linda McCartney holte ihn ab und führte ihn zu Paul. «Er erklärte mir, dass er die Gitarristen nicht nur anhand von ihren Platten kennenlernen möchte. Was mir einleuchtete.» Während des Probespielens wurde Spinozza auch gefragt, ob er Keyboard und Schlagzeug spielen konnte. Er konnte und wurde engagiert. Er ist zum ersten Mal bei «Another Day» zu hören. «Die Aufnahmen waren sehr professionell. Paul wusste genau was er hören wollte und er erwartete, von uns, dass wir es so spielten.» Spinozza hatte als Studiomusiker keine Probleme damit, exakten Vorgaben zu folgen.

Hugh McCracken verpasste das erste Vorspielen, weil er mit Aretha Franklin in Florida unterwegs war. Doch Dave Spinozza konnte aus terminlichen Gründen nicht an den weiteren Aufnahme-Sessions teilnehmen. Seinen Ruf als exzellenter Session-Musiker ermöglichte ihm ein verspätetes Vorspiel und so wurde er nach Spinozzas Ausstieg für den Rest der Sessions von Paul engagiert. Dave Spinozza sollte später für Dr. John, Billy Joel, Ringo Starr und spielte auf Don Mac Leans «American Pie». Später spielte auf Soundtracks von Filmen wie «Hairspray» mit John Travolta oder «Dead Man Walking.» 1973 wurde Spinozza von John Lennon für sein «Mind Games»-Album angeheuert, Spinozza verschwieg zunächst, dass er mit Paul gespielt hatte, weil er fürchtete, aufgrund der medialen Streitigkeiten, die «RAM» ausgelöst zwischen Lennon und McCartney ausgelöst hatte, entlassen zu werden. Als John es dennoch herausgefunden hatte, meinte er bloss, dass Paul wisse, wie man gute Leute aussuche.

professionelle Aufnahmen
Die Sessions haben von von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends gedauert. Denny Seiwell erinnert sich, dass die Proben jeweils ohne Jamsession oder Übungen begannen. Paul und Linda kamen am Morgen mit den Kindern, die sich im Kontrollraum aufhalten mussten. Linda kochte für alle, Kinder und Musiker, Tee. In dieser Zeit nahm Paul eine akkustische Gitarre oder setzte sich ans Klavier und spielte seinen Musikern eine rohe Version des Songs vor, den sie aufnehmen sollten. «Dann begannen wir die Teile auszuarbeiten. Wir waren im Studio immer zu dritt. Einer der Gitarristen, Dave oder Hugh, Paul und ich, während der ganzen Zeit kam niemand anderes ins Studio. Paul und ich hatten oft Blickkontakt und wir verstanden uns blind. Wenn er etwas spielte und ich ihm folgte, das war in der Art von ‹du weisst genau, wovon wir hier sprechen›, das war so wunderbar für mich. Ich hatte dieses musikalische Verständnis mit niemand anders.»

mccartney studio ram 1970
Paul dirigiert das Orchester bei den Aufnahmen im New Yorker A&R Studio im November 1970. – Foto: paulmccartney.com

Diese musikalische Einheit hört man auf dem Album, man hat nicht den Eindruck, dass es zufällig zusammengewürfelte Musiker sind, sondern sie klingen wie eine eingespielte Band. Mit Dave Spinozza und Hugh McCracken hatte Paul zwei der besten New Yorker Studiogitarristen verpflichtet. McCracken spielte nach «RAM» mit James Taylor, Paul Simon, Billy Joel und auf John Lennons letztem Album «Double Fantasy» (1980). Er verstarb 2013. Denny Seiwell verstand sich nicht nur musikalisch gut mit Paul, sondern auch persönlich. Er folgte ihm nach England und spielte für 70 Pfund die Woche bis 1973 bei den Wings. Hier verdiente er für englische Verhältnisse gut, aber weniger, als er in New York hätte verdienen können.

McCartney, der Beasty Boy
Vielen Zeitgenossen war «RAM» wegen den Friktionen, die das Album auslöste, in Erinnerungen geblieben. Neben den Kritikern hatten sich vor allem John Lennon und Yoko, oft zu unrecht angegriffen gefühlt. Dass Paul aber tatsächlich biestig war, gibt er in der Deluxe Edition Wiederveröffentlichung in der Archive Collection zu. «Dear Boy» adressierte er an Lindas Exmann Joseph Melville See, aus deren Ehe die Tochter Heather stammt: «I guess you never knew, dear boy, what you had found», singt Paul. In der zweiten Strophe übernimmt er Lindas Sicht und singt: «I guess you never saw, dear boy, that love was there.» Dann bekennt Paul, vor allem im Hinblick auf die Beatles-Trennung: «When I stepped in, my heart was down and out. But her love came through and brought me ’round, got me out and about.» Und wie gefoulter Fussballer tritt Paul nach: «I hope you never know, dear boy, how much you missed. And even when you fall in love, dear boy, it won’t be half as good as this.» Besonders prickelnd an der Melodie ist Lindas prägender Harmoniegesang, der zu ihren besten gesanglichen Leistungen gehört.

Paul bezeichnet ihn vier Jahrzehnte später als netten Typ, der Linda vermisste, ohne zu wissen, was er wirklich verloren hatte. Also fast ein wenig Mitleid mit ihm. Selbstmord 2000. Melville See soll auch die Inspiration für Jo Jo in «Get Back», der ersten Beatles-Single 1969 gewesen sein. Er Doch anstelle von Joseph Melville fühlte sich John Lennon offen angegriffen.

vom Widder zur Sau
Lennon verschluckte sich am Refrain von «Too Many People»: «That was your first mistake/you took your lucky break and broke it in two/now what can be done for you.» Paul erzählt im Re-Issue der Archive Collection: «‹Too Many People› war wirklich eine Botschaft an John. Zu dieser Zeit empfand ich, dass er der ganzen Welt vorschrieb, wie sie zu leben hätte, und einiges war – so fühlte ich damals –, ziemlich heuchlerisch. Die Zeile ‹Too many people preaching practises› war direkt auf John gemünzt. Sie drückte unsere damalige Beziehung aus, denn ich hatte das Gefühl, dass ich keine Predigten brauchte.» Paul erzählt dann weiter von den Streitereien, die sie 1971 telefonisch ausführten. Er glaubte, dass John von einigen Leuten beeinflusst wurde und zu stärkeren Aussagen hinreissen liess, als er es ohnehin schon in der Musik tat. Johns Aussage in «God» auf «Plastic Ono Band» (1970), dass er weder an Paul noch an die Beatles glaube, aber auch nicht an Jesus, oder Buddha oder Mao, kann man denn auch als Kampfansage an seinen einstigen Partner interpretieren.

Während dieser Zeit äusserte sich Lennon oft negativ über McCartney in den Medien. Und Paul selbst hatte das Gefühl, dass John in seinen Songs angriff. «So realisierte ich, dass das Spiel so lief… Ich hatte zwei Möglichkeiten, nicht zu reagieren oder die Sache in einen Song zu verpacken. (…) Der einzige Song, in dem ich ihn wirklich kritisiere, war ‹Too Many People›. John schrieb dann ‹How Do You Sleep?› (auf seinem ‹Imagine› Album. Und ich war nahe dran, seinen Song mit dem Titel ‹Quite Well, Thank You› zu schreiben. Doch ich gab verwarf die Idee schon bald. Ich hatte eine lyrische Granate in Richtung John geschleudert, und ich hatte es nicht genossen. Später schrieb ich Songs wie ‹Dear Friend›, der viel freundlicher war. Und auch hier kommunizierte ich mit John.»

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Die Collagae für das Innencover von «RAM» stammt von Paul. Das Foto von Linda wurde 2012 im Begleitbuch der Wiederveröffentlichung des Albums in der Archive Collection publiziert.

Biografen führen Lennons Attacken auf seine Paranoia zurück, die von seinem Heroinkonsum herrührte. Neben «Too Many People» bezog er auch «3 Legs» worin es heisst: «When I thought you was my friend you let my down.» Und etwas später: «My dog he got 3 legs your dog got none, my dog he got 3 legs, but he can run.» Und das Cover, auf welchem Paul einen Widder an den Hörnern packt, auf sich. So lag beim Album «Imagine» ein Bild bei, worauf John ein Schwein an den Ohren hielt. Den Song «How Do You Sleep», auf welchem George Harrison die Slide Gitarre spielt, hatte er direkt an Paul adressiert und warf ihm vor, bloss noch Muzak zu produzieren. Doch auch die beiden kopulierenden Käfer auf dem Backcover von «RAM» hatte Lennon als Botschaft von Paul interpretiert.

Manche heutige Biografen werten auch Pauls Schlusszeile von «Backseat Of My Car», dem Schlusssong des Albums, als Selbsteinschätzung: «We believe that we can't be wrong». Bloss sind sie sich nicht einig, ob im Streit mit John Lennon oder im Geist der Beatles und der 60er-Jahre.

die Songs
«RAM» beginnt mit «Too Many People». Paul zählt über die Gitarrenakkorde mit «It's okay» ein. Eine Posaune setzt folgt, Echos von Ah-Schreien ergänzen das Intro psychodelisch, was in den sechziger Jahren eher an ein Song-Ende gesetzt worden wäre. Dann kommt der Bass, der das eingentliche Gitarren-Riff spielt. Wichtigstes Instrument ist, und das ist auch heute noch gewöhnungsbedürftig, die akkustischen Gitarre womit der Song nicht zu einem Hardrock-Song geworden ist. Am Ende vermischen sich die akkustische Gitarre mit einer Sitar. Hugh McCracken ist für die beiden feurigen Gitarrensoli verantwortlich. Mehr Rock wäre drin gelegen, doch war Paul wohl recht in der spartanischen Instrumentierung.

«3 Legs» beginnt akkustisch und konfrontiert die Zuhörer ein erstes Mal mit Lindas Harmoniegesängen. Der Song beginnt ebenfalls akkustisch und orientiert mit den rückkoppelden Gitarren an den aktuellen John Lennon Singles wie Power To The People und Cold Turkey.

Ram On beginnt akustisch mit Mandoline. Die Melodie ist bezaubernd und Paul entwickelt die Harmoniegesänge von Lovely Rita auf Sgt. Pepper ein erstes Mal weiter, wie sie später auf Uncle Albert folgen und zu einem Markenzeichen der Wings werden und mit Silly Love Songs einen Nummer 1 Hit produzieren würden. In den Anfangstagen der Beatles benutzte Paul das Pseudonym Paul Ramone. Er gibt zu, dass er sich meint. Erinnerung an Lennon und Hold On John

Dear Boy ist eine McCartneymelodie at its best. Linda legt eine ihrer besten gesanglichen Leistungen hin. Erst wieder in Silly Love Songs werden ähnlich gekonnte und komplexe Harmonie-Gesänge einen Song ergänzen.

«Uncle Albert/Admiral Halsey» eine Collage von zwei Songs. Er setzt da an, wo I am The Walrus geendet hat. Das entschuldigen bei Onkel Albert, da der ganze Tag über faul gewesen. Hier hört man den amerikanischen Einschlag in der Begleitung.

Der Song ist eine Minisymphonie, die aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist (ähnlich wie «Band On The Run» oder «Bohemian Rhaspody» von Queen). Er wurde von George Martin, dem Beatles Produzenten, arrangiert. Als freudscher Versprecher liess Martin auf die Noten Uncle Arthur drucken, weil er an seinen Onkel Arthur gedacht hatte. Das Arrangement, bzw. der Song wurde mit einem Grammy ausgezeichnet.

Smile Away, Kritikpunkt Lindas Harmoniegesang, der im Vordergund ist, ansonsten ist es ein Bluesrocksong, der den Stones in nichts nachsteht. Mutmacher Song mit weiterlächeln. Pauls noch frische Beziehung zu Linda beflügelt ihn, sodass der Song mti Lindas Gesang fast zu fröhlich daherkommt.

mccartney paul linda fresh ram promo ad 1970 1971
Paul holt frische Brote bei Camerons. Das Foto wurde für die Single Eat At Home verwendet. Aus heutiger Sicht kann man noch anfügen, dass der britische Premierminister anno 2012, zur Zeit des Re-Issues von «RAM», David Cameron hiess. Und wenn man das Grafitti am linken Bildrand betrachtet, kann man die Initialen von Yves Baer im Grafitti erkennen. So ist dieses McCartney-Dossier von Yves Baer wohl die selbst erfüllte Prophezeiung. :-)
– Foto: Linda McCartney


Heart Of The Country ist, um den Vergleich mit I Will vom weisesn Album zu bemühen, der ausgereiftere Song, thematisch nimmt er das Naturleben von Mother's Nature Son auf, aber auf aufgestelltere Weise als jener. Die Beatles haben sich getrennt und Paul und Linda haben ihre Familie gegründet. Der Song ist bis heute einer der besten überhaupt in Pauls Katalog, 2010 für Meat Free Monday nochmal benützt. Sein Scatgesang einmalig in Katalog

Klavier auf der Nase
weiterer psychodelischer Text. Treibender Rocksong, dessen Hauptinstrument das Kalvier ist, mit starker Mandonlinen Begleitung. Erneut waren es wohl die Harmoniegesänge von Linda, an die man sich gewöhnen musste. Die Harmonien von Harrison/Lennon vollendeten oft Pauls Songs, nach RAM hatte Paul die Abmischung von Lindas Harmonien im Griff, sodass heutige Kritiker einen Song loben, wenn die Backvocals an Linda erinnern. Paul scatet am Schluss nochmals und erinnert an Lovely Rita ohne pyschodelische Spielereien. Neben Too Many People und Heart Of The Country wohl der beste Song, noch vor Dear Boy und Back Seat Of My Car.

Eat at Home rockt, auch wenn der Song inhaltlich simpel ist, und sogar das essen im Bett vorschlägt. Auch hier ist Lindas Harmoniegesang stark prägend. Ebenso bei Long Haired Lady. Der Ausklang ist nochmals psychodelisch angehaucht. Der Harmoniegesang von Linda nimmt nochmals auf die psychodelischen Outros der späten Beatlesphase Bezug und nimmt nimmt harmonisch dennoch ein weiteres Mal Silly Love Songs vorweg.

Ram On erkling nochmals, ehe der Schlusssong Back Seat Of My Car erklingt. Der Song endet mit dem Fetzen: «Who's that coming round that corner/who's that coming round that bend?» Dies wurde die Titelzeile von Big Barn Bed auf Red Roses Speedway (1973), dem zweiten Wingsalbum.

Back Seat Of My Car klingt, nochmals mit starkem Harmoniegesang von Linda stark amerikanisch. Auch ist der Inhalt vom jungen Paar, das vor den Eltern abhaut, und mit Glück es bis Mexiko City schafft, amerikanisch geprägt. Die Liebe wird auf dem Rücksitz des Autos gemacht. Der Mittelteil wird von Streichern und Bläsern begleitet, die George Martin nahelegen und zeigen, dass hier Paul einen Song aus den Spättagen der Beatles beendet hat. Es ist der ideale Abschlusssong für ein Album.

Thrillington
Nur in der Deluxe Version der Achive Collection erhältlich ist das remastere Album «Thrillington», welches Paul und Linda während den «RAM» Sessions von einer Big Band einspielen liessen. Geplant war eine Veröffentlichung im Herbst 1971, doch die Gründung der Wings und wohl auch die schlechten Kritiken bewogen Paul dazu, das Album 1977, im Jahr als sein Sohn James zur Welt kam, unter dem Pseudonym von Percy Thrills Thrillington zu veröffentlichen. Damals erschienen in England ominöse Inserate mit Aktivitäten von Thrillington. Zur Wiederveröffentlichung in diesem Jahr, twitterte der Herr Thrillington plötzlich. (Mehr zu «Thrillington», siehe Dossierbeitrag).

die Archive Collection Wiederveröffentlichung
Eine Box, die ihresgleiche sucht. Originalalbum, Bonus CD, Erstveröffentlichung des Monomixes, Thrillington und DVD. Dazu einD Daumenkino mit Schafen, Faksimile der original Songtexte, Fotoabzüge von Paul und Linda und der digitale Download im bestmöglichen Format.

Bonus CD beginnt mit Single Another Day Oh Woman Oh Why. Another Day wird von Denny Seiwell als Eleanor Rigby in New York bezeichnet und gehört noch in den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts zu McCartneys Liveset und zu den meistgespielten Stücken McCartneys am Radio. Die B-Seite, ein solider Bluesrocker. (Mehr zur Single Another Day im Dossierbeitrag).

Oh Woman Oh Why schliesst ab, dann folgen erstveröffentlichungen. A Love For You (John Kelly Mix) wurde am 26. Oktober 1970 mit Hugh McCracken in London aufgenommen. Geoffrey Emerick überarbeitete den Song 1981 für das Hot Hitz Cold Cutz Projekt. Und Jon Helly 1986.

Ramming
Auf der DVD ist zunächst die Dokumentation Ramming worin Paul nach vier Jahrzehnten auf das ALbum zurückschaut. Er erzählt, dass er in der schottischen Zeit oft einfach von Glasgow aus in den Norden gefahren wäre. Linda pflegte zu sagen: "ICh sehe, dass dein Hirn arbeitet". So kam ich auf Ram, ein starkes, männliches Tier, ein Widder. Ein Titel, den man nicht vergessen würde. "Ich war in der Mitte der Beatlestrennung, und die war wie Treibsand". So wollte er nur weg, Tiere, schöne Landschaft und auf der Gitarre zu spielen. Ich wollte sehen, was aus den puren Elementen entsteht, als bei bei den Beatles anzuknüpfen, die super Musiker waren. Wir sollten uns finden. So fragte ich Linda, ob sie in der Band sein sollte. Nach einem Zögern sagte sie ja. Sie war der Novize, ich der Veteran, der bei den Beatles war. Ich liebte es, mit einer Frau zu arbeiten, bisher arbeitete ich nur mit Männern (was nicht ganz stimmt).

Abgemischt wurde in Los Angeles

die Videos
Heart Of The Country beinflusst von der Umgebung, Paul und Linda sieht man mit dem englischen Schäferhund Martha am Strand herumtollen und Ausreiten. nackte Füsse, die durch einen Sandstrand pflügen und Pferde die durch prächtige Wiesen geritten werden. Sowie Paul und Linda, die im Meer schmusen. Linda, die Probleme hat, aus dem Stiefel zukommen, und Paul helfen muss.
mccartney paul linda ram videoclip screenshot uncle albert admiral halsey 1971 1973 james paul tv special
Screenshot von Paul und Linda McCartney im Videoclip von «Uncle Albert/Admiral Halsey», wie er im März 1973 im TV Special «James Paul McCartney ausgestrahlt

3 Legs zeigt mehr von den Reiterbildern, vor allem aber noch Landschaftsaufnahmen von der Umgebung von Pauls Umgebung auf seiner Farm Lower Ranachahn auf der Halbinsel Kintyre.

Beide Videos wirken auch im Zeitalter von YouTube handgestrickt. Vergegenwärtig man sich, dass man ein Jahrzehnt vor MTV war, sind die Filme schon fast wieder innovativ. In ihrer Einfachheit aber ziemlich radikal, gemessen an Pauls Image als Perfektionist. Und den kleinen Videokunstwerken wie Pipes Of Peace, Off The Ground oder Appreciate 2013.

Hey Diddle im Garten, das ganze Video, das schon Ausschnittsweise auf Wingsspan zu sehen war. Gefilmt wurde er von N Langley. Der Fokus liegt auf Lindas mit schönem blondem Haar behaarten Waden. Paul und Linda singen und albern herum, während die zweijährige Mary und Lindas Tochter Heather, die miteinstimmen und dazu tanzen. Das wirkte schon auf 2001 auf Wingspan süss und bekräftigt nochmals den Bruch von den Perfektion bei den Beatles.

Eat At Home wurde bei der Europatour in Groningen aufgenommen. Gefilmt hatte vor allem Denny Seiwell mit einer Super 8 Kamera und öffnet ein Fenster auf die noch nicht Wiederveröffentlichten Kapitel der turbulenten ersten Wingsphase.

Es fehlt das Video zu Uncle Albert, das 1973 im TV Special James Paul McCartney ausgestrahlt wurde.

Rezeption
Es ist keine Überraschung, dass «RAM» Anfang des 21. Jahrhunderts zu endlich den Stellenwert erhalten hat, den es von Anfang an hätte erhalten sollen. In den Nuller-Jahren waren die Indie-Rocker die Tonangebenden Künstler im Popbusiness, und ohne RAM wären weder die White Stripes noch Travis denkbar gewesen. Gedankt haben es die Indierocker mit Wikipedia. Gut möglich, dass RAM, obwohl es genügend gekonnte Anknüpungspunkte an die Sechziger Jahre hatte, sondern wohl auch seiner Zeit voraus war. Heute erinnert sich Paul in der Dokumentaion Ramming an einen Start in glücklichere Zeiten, er sitzt im Garten und die Kinder tollen um ihn herum. Vieles ist wohl nicht perfekt, aber alles hatte seinen Grund, warum ich es so aufgenommen habe. Und heute klingt manches besser für mich, als es damals getan hat.

Schon seit über einem Jahrzehnt wird im deutschsprachigen Raum das Album als verkanntes Meisterwerk bezeichnet. Mit der Wiederveröffentlichung in der Archive Collection rangen sich die Medien zu einem mea culpa durch und revidierten ihre zu harschen Kritiken. Umgekehrt verhielt es sich mit den Auszeichnungen, RAM erhielt 2012 die Grammynomination für XXX. (Band On The Run und Wings Over America wurden mit dem Grammy ausgezeichnet). Uncle Albert wurde 1972 mit dem Grammy für YYY ausgezeichnet.

Eine letzte Besonderheit brachte «RAM» noch mit, man konnte sich nicht auf eine gemeinsame Single-Auskoppelung einigen. Bereits am 19. Februar 1971 erschien die Single «Another Day/Oh Woman Oh Why». Beide Stücke waren nicht auf dem Album enthalten. Die Single erreichte in Frankreich und Australien die Spitze der Charts, in England und den USA Nummer 2, in der Schweiz Platz 7. Nach der Veröffentlichung setzte man Singles mit reinen Albumtracks. In England veröffentlichte man im August «Backseat Of My Car», ein Song, den Paul bereits während den «Get Back» Sessions ein erstes Mal den Beatles präsentierte. Die Single erreiche bloss Rang 39. Die internationale Single «Eat At Home» erreichte im September 1971 in den Niederlanden, Deutschland 8 und in Norwegen die Top 10.

In den USA setzte man auf «Uncle Albert/Admiral Halsey». Darüber hinaus erreichte sie Rang 1 in den Charts und Paul erhielt eine goldene Schallplatte für 1 Million verkaufter Exemplare (damals!). Womit sich die Single alleine halb so viel verkaufte wie das Album.

paul linda mccartney studio 1970 ram
Linda und Paul bei den Aufnahmen zu «RAM». – Foto: paulmccartney.com



cover ram

Tracklist
Too Many People
3 Legs
Ram On
Dear Boy
Uncle Albert/Admiral Halsey
Smile Away
Heart Of The Country
Monkberry Moon Delight
Eat At Home
Long Haired Lady
Ram On
The Back Seat Of My Car


Singles 1971:
Another Day (März 1971)
another day

Another Day
Oh Woman, Oh Why



Album-Singles:
Back Seat Of My Car (UK)
back seat of my car

The Back Seat Of My Car
Heart Of The Country

Uncle Albert/Admiral Halsey (USA)
uncle albert

Uncle Albert/Admiral Halsey
Too Many People


Eat At Home (International)
eat at home

Eat At Home
Smile Away



Thrillingtion, 1977
mccartney ram thrillington 1971 cover

Tracklist:
Too Many People
3 Legs
Ram On
Dear Boy
Uncle Albert/Admiral Halsey
Smile Away
Heart Of The Country
Monkberry Moon Delight
Eat At Home
Long Haired Lady
Ram On
The Back Seat Of My Car


Record Store Day 2012
Another Day Remaster
another recordstoreday

Another Day
Oh Woman. Oh Why

 

Archive Collection Re-Issue Deluxe Box, 2012
mccartney archive collection ram deluxe box 2012


Original-Album Remaster

Too Many People
3 Legs
Ram On
Dear Boy
Uncle Albert/Admiral Halsey
Smile Away
Heart Of The Country
Monkberry Moon Delight
Eat At Home
Long Haired Lady
Ram On
The Back Seat Of My Car

CD: Bonus Audio
Another Day
Oh Woman, Oh Why
Little Woman Love
A Love For You (Jon Kelly Mix)
Hey Diddle (Dixon Van Winkle Mix)
Great Cock And Seagull Race (Dixon Van Winkle Mix)
Rode All Night
Sunshine Sometime (Earliest Mix)

Archiv CD 3
Remastered Mono Album

Archiv CD 4
Thrillington - Remastered Album
Too Many People
3 Legs
Ram On
Dear Boy
Uncle Albert/Admiral Halsey
Smile Away
Heart Of The Country
Monkberry Moon Delight
Eat At Home
Long Haired Lady
Ram On
The Back Seat Of My Car

Archiv DVD
Ramming (2012 Doku)
Heart Of The Country
3 Legs
Hey Diddle
Eat At Home On Tour

Menu Music – A Collection of «Now Hear this jingles brung to ewe by Ram»



Ewe = Geiss
Ram = Bock


Womit sich John Lennon
provoziert fühlte

mccartney ram cover john lennon

Das Coverfoto von Linda McCartney, von dem sich John Lennon provoziert gefühlt hat. Und seine Replik, die Postkarte, die bei seinem Album «Imagine» beigelegt worden war.

john lennon mccartney ram imagine ram pig

 

Promotion 1971/1977

fresh mccartney ram advertisment 1971

Werbeanzeige für frischen McCartney, 1971, als «RAM» veröffentlicht wurde. Für «Thrillington» wurde 1977 mit dem unnachahmlichen Percy Thrillington die Werbesprache persifliert.

mccartney thrillington promo advertisment 1977



Links:
Paul McCartney:
Beatles-Jahre
Solo-Jahre ab 1970

mit «RAM» korrelierte Veröffentlichungen:
Another Day Single, 1971
Thrillington, Remix-Album, 1977



 

Chronologie:
« Another Day
» Wild Life


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