unterbewertete Pastorale
7. Dezember 1971
Auf «Wild Life» wollte Paul McCartney die Liveatmosphäre der Songs rüberbringen. Das Debutalbum der Wings ist besser als sein Ruf.
Bewertung: * * * * 1/2


Links zu den folgenden Themen:
 die Gründung der Wings
schnell und schmutzig eingespielt
Entspannung im Beatles-Lager
Wie sich Paul neu erfunden hat
Rezeption und Statistik



Zurück zur Spontaneität lautete das Motto; die Aufnahmen von «Wild Life» dauerten vom 25. Juli bis zum 2. August 1971, also gerade Mal neun Tage. Die Basistracks waren während den ersten drei Tagen aufgenommen worden. Eingespielt wurde das Album in den Londoner Abbey Road Studios. Während den Aufnahmen zu «RAM» in New York, Ende 1970 oder Anfang 1971, hatte Bob Dylan Paul McCartney im Studio besucht. Worüber sie gesprochen haben, ist nicht überliefert, doch Paul gibt Dylans Produktionsweise als Inspirationsquelle für «Wild Life» an: ein schnell im Studio eingespieltes Album ohne grosse Nachproduktionen. Es ist erneut ein Kontrast zum grossen Vorgänger: Kollidierte 1970 «McCartney» mit seiner Einfachheit mit «Abbey Road», hatte sich «Wild Life» an «RAM» zu messen.

McCartney, der mit den späten Beatles die Popmusik in unerreichte Sphären geführt hat, kümmerte sich damit nicht um die Erwartungen, die ein Teil des Publikums und die Kritiker an ihn hatten, sondern er machte dies, was ihm die anderen Beatles 1969 verwehrten: Mit dem Fokus, wieder auf Tour zu gehen, eine neue Band zu gründen.

die Gründung der Wings
Am 3. August 1971, also am Tag nach den Aufnahmen, gab Paul McCartney die Gründung seiner neuen Band bekannt. Sie hatte aber noch keinen Namen. Mitglieder waren neben ihm seine Frau Linda, die Paul darum gebeten hatte. Er hatte ihr über den Sommer 1971 etwas Klavierunterricht erteilt. Im Buch der Deluxe-Version von «RAM» erzählt Paul: «Es war völlig natürlich, dass wir alles gemeinsam machen wollten. Ich erinnere mich, wie ich eines Abends zu Linda sagte: ‹Ich werde eine Band gründen. Möchtest Du darin mitspielen?› Es war etwas völlig natürliches, organisches, das geschah. Mit etwas Beklemmung sagte sie so etwas wie ‹äh, ja.› Mehr war da nicht gewesen.» Und Paul ergänzt: «Wir wussten, dass wir die Steine und Pfeile unserer ‹Freunde› hören, die fragen, ‹was macht sie in der Band?»

wings wildlife advertising mccartney


Inserat aus der Musikpresse für Wild Life von 1971. Es gibt noch eine Abwandlung mit schwarzer Schrift auf weissem Hintergrund.



Als Gitarrist hätte Paul gerne Hugh McCracken gehabt, der auf «RAM» gespielt hatte, doch McCracken sah sich als Studiomusiker und wollte sich in keiner Band verpflichten. Als letztes stiess Denny Laine zur Band. Paul hatte ihn 1965 während einer Beatles-Tour getroffen. Laine spielte von 1964-1966 bei den Moody Blues. Paul, Linda und Denny Laine bildeten den Kern der Wings, Laine verliess 1980 während den Aufnahmen zu «Tug Of War» und «Pipes Of Peace», in deren Frühphase er noch mitspielte, die Band. Denny Seiwell, der Schlagzeuger auf «RAM», folgte Pauls Ruf und zog mit seiner Frau Monica von New York auf eine Farm in McCartneys Nachbarschaft.

Noch war die Band ohne Namen. Vorschläge wie The Dazzlers oder Turpentine kursierten. Linda McCartney war während den Aufnahmen hochschwanger, am 13. Sepember 1971 gebar sie Linda. Während der Geburt kam es zu Komplikationen und es wurde ein Kaiserschnitt nötig. Als Paul bei Linda übernachtete, träumte er von Engeln, so kam er auf den Namen Wings.

schnell und schmutzig eingespielt
Nach dem Abmischen von «RAM» flog Familie McCartney zurück nach Grossbritannien und verbrachte den Sommer auf ihrer Farm Lower Ranachan in Schottland. Dort schrieben Paul und Linda neue Songs. Die Band traf sich in Schottland und probte ein par Tage in Pauls so genannten Rude Studio, ein Studio, das er im Stall eingerichtet hat, danach dislozierte man nach London.

«Mumbo», ein solider Rocksong, entstand aus einer Jamsession, nach rund fünf Minuten rief Paul zwei Mal Take it, Tony, dies war das Signal für Tony Clarke, mit der Aufnahme zu beginnen. Die Lyrics, vom Rolling Stone als die grösste Schwäche kritisiert, hat Paul in Shouter-Manier gesungen und dabei frei improvisiert, so dass paulmccartney.com den Song gar als Instrumental führt. Die abwechselnden Gitrarrensoli zeugen bereits vom Bluesrock-Potenzial, das vor allem auch live in den ersten zwei Besetzungen von Wings gesteckt hat. «Mumbo» kommt am Ende des Albums nochmals als Reprise. Diese war auf dem Originalalbum nicht aufgeführt.

Als nächstes folgt das bluesige «Bip Bop», inspiriert dazu wurde Paul durch das Gebrabbel seiner Tochter Mary. Der Text wirkt erneut inspiriert. «Bip Bop» zog am meisten Kritik auf sich, erhielt in Frankreich aber Airplay. Paul mochte später den Song auch nicht. Während den Aufnahmen zu «Rough Ride» 1988, während den Sessions zu «Flowers In The Dirt», erwähnte Paul gegenüber Trevor Horn, dass er «Bip Bop» hasse, worauf dieser ihm antwortete, dass es sein Lieblingssong wäre. Seither hat Paul seine Meinung darüber geändert, 2016 erschien «Bip Bop» als einziger Song von «Wild Life» auf der Zusammenstellung «Pure». Auf der zweiten Seite von «Wild Life» gibt es ebenfalls eine kurze akkustische Reprise von «Bip Bop», die ebenfalls auf dem Cover nicht ausgewiesen wurde.

1971 mccartney wings wildlife epihone
Nach Jahren der Avantgarde und in Swinging London, zog sich Paul McCartney aufs Land zurück und schrieb auch darüber, was einen Teil der Kritiker und Fans verstörte. –
Foto: paulmccartney.com


Im Sommer 1971 stricht das Paul das Dach seiner Farm neu, während Linda aus Jamaika mitgebrachte Reggae-Platten laufen liess, was ihn zu einem Reggaestück inspirierte. Als Text darüber wählte Paul «Love Is Strange» von Mickey Baker und Ethel Smith. «Love Is Strange» hätte die erste Wings-Single werden sollen. Aufgrund der schleppenden Verkäufe des Albums wurde die Single jedoch kurz vor Auslieferung zurückgezogen. Dass man mit Singles Albumverkäufe pushen könnte, hatte sich damals noch nicht herumgesprochen – wobei damals Reggae vom weissen Mainstream Publikum noch kaum gehört wurde, erst drei Jahre später, als Eric Clapton Bob Marleys «I Shot The Sherriff» coverte und einen Hit damit landete, wurde Reggae von einer grossen Masse entdeckt. «Love Is Strange» gilt aber als eine der ersten, wenn nicht ersten Reggae-Aufnahmen einer Band von weissen Musikern.

Der Titelsong «Wild Life» ist ein Blues über den Umgang der Menschheit mit der Natur und den Tieren. Paul und Linda liebten die Natur. Die erste Strophe: «While take a walk through an African park one day, I saw a sign say, ‹The animals have the right of way›» ist eine Erinnerung an einen Ausflug von Paul in den Ambosali Nationalpark in Afrika 1966, wo er ein solches Schild gesehen hat. Paul spielte auf dem Song die Leadgitarre.

«Some People Never Know» hat Paul im Sommer 1969 geschrieben. Es ist ein Lied über seine Ehe mit Linda. McCartney, einst im Londoner Nachtleben gesehen, schreibt. «Like a fool I’m faraway, ev’ry night I hope and pray I’ll be coming home to stay and it's so», Rock’n’Roll-Lifestyle klingt anders. Der Song ist ein Beleg, wie die Stimmen von Paul und Linda harmonierten. Bei der definitiven Abmischung wurde Denny Seiwells Trompetensolo einem Gitarrensolo ersetzt.

1971 paul mccartney wings rude studio
Blick ins Rude Studio auf Pauls schottischer Farm während den ersten Proben der Wings. Linda hochschwanger mit Stella. Das Mädchen mit Gitarre ist Heather, Lindas Tochter aus erster Ehe, die Paul adoptiert hat.


«I Am Your Singer» ist ein Duett von Paul und Linda. Paul evoziert das Bild, dass er die Liebe braucht wie ein Song die Melodie. Es war geplant, «I Am Your Singer» als B-Seite der Single «Love Is Strange» zu verwenden.

«Tomorrow» ist wohl der beste Song auf dem Album, eine frühe Version wurde noch während den «Ram»-Sessions entwickelt und von Wings neu aufgenommen. Deshalb gibt es auch eine Instrumentalversion, da «Tomorrow» aber nicht auf «Ram» verwendet wurde, fehlt auch die Instrumentalversion auf «Thrillington». Die endgültige Version von «Tomorrow» ist ein uptempo Klaviersong, worin Paul den Zwiespalt einer jungen Liebe besingt: «Baby please dont let me down tomorrow» bzw. «Holding Hands we both abandon sorrow». Lindas Vater Lee Eastman mochte den Song sehr, fand aber, dass ihn Paul nochmals neu einspielen sollte, in einer langsameren Version. «Tomorrow» wurde 2001 auf der Zusammenstellung «Wingspan» veröffentlicht.

«Dear Friend» ist eine weitere Klavierballade. Sie wird allgemein als Friedensangebot von Paul an John Lennon gewertet. Wobei Paul einmal relativierte: «Es ist bloss ein Song über einen guten Freund, was auch dies für einen immer bedeutet.»

Entspannung im Beatles-Lager
Nach der Trennung der Beatles begannen sie 1971 ihre Streitigkeiten in der Öffentlichkeit auszutragen. John Lennon wertete das Cover von «RAM», auf dem Paul einen Widder an den Hörnern packt, als Angriff auf ihm. Auf «Imagine» legte er eine Postkarte bei, auf der er ein Schwein an den Ohren hielt. Auch interpretierte Lennon einige Songpassagen von «3 Legs» und «Too Many People» auf ihn gemünzt, was Paul bei letzterem unumwunden zugibt: Die Zeile «Too many people preaching practices / don’t let them tell you what you want to» be» bezog er auf John und warf ihm vor, den Leuten vorzuschreiben, wie sie leben sollten, und selber nicht danach zu leben. Lennon veröffentlichte in der Folge auf «Imagine» den Song «How Do You Sleep», worin er McCartneys Musik als Muzak betitelt, besonders bitter. George Harrison spielte die Slide Gitarre.


paul mccartney 1971 wings wild life cartoon

Die Karikatur auf dem Backcover von «Wild Life» zeigt Linda und Paul McCartney, Denny Laine und Denny Seiwell. Gezeichnet hat sie Gordon House.


Die Streitereien wurden von der Öffentlichkeit jedoch nicht goutiert. Und so kann man durchaus «Dear Friend» als letzte, versöhnliche Episode der öffentlichen Streitigkeiten der Beatles sehen. Vor Gericht stritten die Beatles noch Jahre lang weiter, zum Teil bis in die 1980er-Jahre.

Wie sich Paul neu erfunden hat
Es war wahrlich nicht einfach für die einzelnen Mitglieder der Beatles, alleine durchzustarten. Zu hoch waren die Erwartungen an sie, am besten hätten sie wohl so weitergemacht, wie sie das auf ihren späten Alben getan hatten. Doch weder John Lennon noch Paul McCartney kümmeten sich gross um die Erwartungen der Kritiker und Fans, sondern zogen ihr Ding durch. Die Beatles hatten sie ziemlich satt und so klangen ihre Alben.

Bei Paul enthielt sein Debutalbum «McCartney» einfache Songs, die er selber, zumeist zuhause, einspielt hatte. Einzig «Maybe I’m Amazed» konnte mit den hohen Standards, die er mit den Beatles selber gesetz hatte, mithalten. Ganz anders die Single «Another Day» und das zweite Album «RAM», eingespielt in professionellen Studios mit Hugh McCracken und Denny Seiwell, nutzte Paul die ganze Bandbreite des Studios, selbst ein Orchester wurde engagiert. Dass er es damals den Kritikern nicht recht machen konnte, zeigt der Vorwurf, dass «RAM» überproduziert wäre.

Paul wollte die Wings nie als Beatles 2.0 verstanden wissen. Vielmehr wollte er nochmals von vorne anfangen und schauen, wie weit er kommen würde. Dieses Konzept zog er die nächsten zehn Jahre durch. So war entsprach das Vorgehen von «Wild Life» jenem von «McCartney», mit dem Unterschied, dass das Projekt nicht geheim gehalten werden musste. Viereinhalb Jahrzehnte nach der Bandgründung ist klar, dass McCartney immer Musik gemacht hatte, ma näher, mal entfernter von den Beatles, mal einfachere Alben, mal aufwändig produzierte. Weshalb aber erhielt zu Beginn derart schlechte Kritiken?

paul mccartney 1971 wings wildlife
Wings MK 1, Paul und Linda McCartney, Denny Laine und Denny Seiwell..


Zunächst wurde ihm die Schuld am Ende der Beatles gegeben, weil er als erster öffentlich die Band verlassen hat. Dann waren es die hohen Massstäbe, welche die Beatles auf ihren letzten Alben gesetzt hatten. Für Einfaches von ihm waren die Kritiker noch nicht bereit. Gewiss, manche Songs in der frühen Solophase McCartneys waren gar etwas simpel oder zu skizzenhaft, das hat er später, beispielsweise 2008 auf «Electric Arguments», wo er pro Song einen Tag investierte, besser hingekriegt.

Eine interessante These vertritt John Blaney in seiner Reihe «The Songs He Was Singing». McCartney, der Teil von Swinging London gewesen war, in der hippen Stadt gelebt hatte, hat eine Familie gegründet und ist aufs Land gezogen. Während die Rock- und Popmusik Anfang der 70er-Jahre urban war, sang McCartney über das Familien- und Landleben. Dem Publikum war das weitgehend egal, nicht aber den Kritikern.

Heutzutage spricht er offen darüber, dass er durch die harschen und ungerechtfertigten Kritiken Anfang der 70er-Jahre nicht verletzt, aber insofern irritiert wurde, weil er sie zu glauben begann, insbesondere bei «RAM» und «Wild Life». 1994 erzählte McCartney im Fun-Club-Magazin «Club Sandwich». dass er «Wild Life» bis ein, zwei Songs nicht mochte, bis eines Tages er mit Linda den Sunset Strip in L.A. entlangfuhr. Ein Camper schloss zu ihm auf, ein Althippie winkte Paul und hielt Wild Life aus dem Fenster und rief: ‹Hey Paul, grossartiges Album, Mann!». Linda und er hätten sich bloss angeschaut und gesagt: ‹Genau, das ist es! Es ist ein grossartiges Album, zweifellos. Es genügt, dass dies dieser Typ sagt.» Und so begann McCartney, das Album in neuem Licht zu betrachten.

Rezeption und Statistik
Eine der unverdient harschen Kritiken in der englischen Presse lautete, dass der einzig brauchbare Song auf dem Album «Love Is Strange», der einzige Song, der nicht von McCartney stammte, sei. John Mendelsohn vom Rolling Stone ging in seiner Besprechung besser an das Album heran, als dies John Landau bei «RAM» ein halbes Jahr zuvor getan hatte. Er begann jedoch mit dem Narrativ, dass McCartney ohne John Lennon und George Martin nicht zwischen dem Trivialen und Gewichtigen unterscheiden könne. Er bezeichnete das Album als nett ausgeführte Popmusik. Steve Thomas Erlewine von allmusic.com findet «Wild Life» für Paul McCartney als einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts zu leichtgewichtig, so als ob er hätte wie auf dem Cover abgebildet eine pastorale Idylle evozieren wollen. Und genau hier beginnt ihn das Album aber zu faszinieren. Ehrlich mit dieser Unentschlossenheit umgehend gab er 2,5 von 5 möglichen Sternen.

Und was meinte McCartneys härtester Kritiker? John Lennon sagte im Februar 1972 in der Mike Douglas Show, dass er «Wild Life» möge und und Paul auf dem richten Weg wäre.

«Wild Life» gehört zu den wenigen Alben in McCartneys Katalog, bei denen die Verkäufe enttäuschten. In England erreichte es bloss Platz 11 und in den US-Billboard Charts klassierte es sich auf Rang 10. Topten Resultate vermeldeten Spanien (Rang 2), Australien und Schweden (Platz 3), Norwegen (Rang 4), Kanada (Rang 5) und Holland (Platz 6). In Japan klassierte sich «Wild Life» auf Platz 15, in Italien auf Platz 25 und in der BRD auf Rang 47. In der Schweiz konnte sich das Album nicht klassieren. In den USA und Kanada wurde «Wild Life» mit Gold ausgezeichnet.


wings wild life paul mccartney 1971
Wings MK 1 im Spätsommer 1971: Denny Laine (hinten), Paul und Linda McCartney, Denny Seiwell (vlnr.)



Tracklist
Originalalbum 1971:

Mumbo
Bip Bop
Love Is Strange
Wild Life

Some People Never Know
I Am Your Singer
Tomorrow
Dear Friend


CD 1987


Tracklist:
Mumbo
Bip Bop
Love Is Strange
Wild Life
Some People Never Know
I Am Your Singer
Bip Bop Link
Tomorrow
Dear Friend
Mumbo Link

Bonus Tracks:
Oh Woman, Oh Why
Little Woman Love
Mary Had A Little Lamb

1993-Remaster
Paul McCartney Collection:



Tracklist:
Mumbo
Bip Bop
Love Is Strange
Wild Life
Some People Never Know
I Am Your Singer
Bip Bop Link
Tomorrow
Dear Friend
Mumbo Link

Bonus Tracks:

Give Ireland Back To The Irish
Mary Had A Little Lamb
Little Woman Love
Mama’s Little Girl






Chronologie:
« RAM
» Give Ireland Back To The Irish

© 2017 VzfB | alle Rechte vorbehalten