der Tag, an dem die Schweiz verschwand
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Mona Vetschs Lachen aus dem Radiowecker war so erfrischend wie eh. Seit François Mürners Weggang moderierte endlich wieder jemand, der einem das Erwachen erleichterte und den Tag nicht gleich mit einem Ärgernis beginnen liess. Das Wasser unter der Dusche fühlte sich an wie immer und auch der Kaffee zur allmorgendlichen Lektüre des «Tages Anzeigers» schmeckte nicht anders. Die Zeitung berichtete wie immer über das geschehen in Zürich, der Schweiz und in der weiten Welt. Es fiel mir zuerst auch nicht auf, dass sich etwas verändert hatte. Das Tram und der Bus waren noch immer blau weiss. Die Leute eilten im Metropolenschritt ihrem Ziel entgegen und die Schiffe fuhren vom Bürkliplatz auf den See hinaus.

Erst als ich im Büro einen Atlas öffnete, merkte ich, dass sich über Nacht irgend etwas verändert hatte. Jedes Kind weiss, dass Deutschland, Frankreich, Italien, Lichtenstein und Österreich an die Alpen grenzen. Ich stutzte, nicht weil ich ein Loch in der Seite hatte, aber Deutschland grenzte nun an die Alpen. Ich meine die richtigen Alpen, nicht die bayerischen. Und Italien grenzte an Deutschland. Zuerst glaubte ich einen futuristischen Atlas in den Händen zu halten, doch ich erinnerte mich, ihn letzte Woche als preiswerte Neuerscheinung fürs Geschäft gekauft zu haben. Ich schloss das Buch und öffnete es erneut, machte sozusagen einen Neustart mit ihm. Bei Computern half das jeweils, wenn sie wieder einmal ihr Eigenleben entwickelten oder aber wie ein Flugzeug abstürzten. Aber mein Atlas war ein Buch, eine also jahrhundertalte Technik und deshalb ausgereift. Darum hatten die Erfinder des Buches nicht an Neustarts gedacht, als ich mich wieder zur Seite durchgeblättert hatte, die ich eben erst angeschaut hatte, musste ich erkennen, dass Frankreich immer noch bis zum Röstigraben ging, wogegen Deutschland und Italien auf den Höhen des Gotthards aneinandergrenzten. Wie das denn mit dem Zoll funktionierte, fragte ich mich, ob mitten im Berg eine Zollstation eingerichtet worden wäre. Den EU-Bürokraten hätte ich so was zugetraut. Dann realisierte ich, dass die Grenzen innerhalb der Europäischen Union längst abgeschafft worden waren. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Atlas von einem renommierten Schweizer Verlag herausgegeben worden war, stellte ich ihn ins Büchergestell zurück und setzte mich an meine Apfelmaschine. Ich wollte im Internet meine unglaubliche Entdeckung überprüfen.

Zuerst surfte ich bei den verschiedenen geografischen Sites vorbei. Doch überall dasselbe Bild: Die Schweiz, das Herz Europas, war verschwunden. Danach durchforschte ich die Sites der Zeitungen. Der «Tages Anzeiger», die «Neue Zürcher Zeitung», der «Blick», die «Süddeutsche Zeitung», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», der «Guardian» und die «New York Times» berichteten allesamt über das aktuelle Geschehen in der Welt. Doch keine Zeitung hatte das Verschwinden der Schweiz bemerkt. Ich griff zum Telefon und rief der Inlandredaktion des «Tages Anzeigers» an und wollte mit dem Ressortleiter sprechen. Doch dieser lachte mich nur aus. Recht hatte er. Warum sollte das Verschwinden der Schweiz den Tagi, eine ausgesprochen europhile Zeitung, auch beunruhigen?

Ich fuhr zum Flughafen Kloten. Dort hoffte ich die Wahrheit zu erfahren. Doch auch dort schien sich nichts verändert zu haben, ich sah Passagiere aus aller Welt. Den neuen Umständen entsprechend, erschienen mir die Flugzeuge der «Swiss» beinahe als Relikte einer anderen Zeit. Alle Leute, mit denen ich sprach, lobten die Qualität der «Swiss». Sie strichen die zentrale Lage Zürichs und die Vorteile des Finanzplatzes hervor. Doch die Schweiz erwähnten sie mit keinem Wort. Einige schauten mich gar verständnislos an, so als ob ich sie nach der Hauptstadt von Trinidad und Tobago und nicht nach der Schweiz gefragt hätte. Nachdem ich mich in einer Cafeteria gestärkt hatte, wusste ich, wie ich Gewissheit über das Schicksal der Schweiz erlangen konnte. Vielleicht hatte ja tatsächlich nur mein Atlas einen Druckfehler und im Internet hätte ich nur das gesehen, was ich zu sehen erwartet hatte. Ich ging in eine Buchhandlung und verlangte eine Schweizerkarte zu kaufen. Die Verkäuferin schaute mich etwas komisch an. Obwohl sie im Verlagskatalog und im Computer nachschaute, konnte sie mir nicht weiterhelfen. Alles, was ich bekam, waren Regionalkarten von Bern, Zürich oder der Vierwaldstättersee Region. Nicht einmal Innerschweiz hiess es auf der Karte, obschon sie vom selben Schweizer Verlag herausgegeben wurde, der auch meinen Atlas verlegte.

Den ganzen Tag verbrachte ich mit suchen nach Anhaltspunkten für das plötzliche Verschwinden der Schweiz. Sie konnte doch nicht einfach über Nacht ins unendliche Weltall abgehauen sein. Als ich am Abend noch nichts gefunden hatte, stellte ich beinahe resigniert die Tagesschau ein. Eine vage Hoffnung, in den Abendnachrichten zu erfahren, was mit dem einst so stolzen Land geschehen war, hegte ich noch. Mindestens eine Rede des Bundespräsidenten erwartete ich. Es überraschte mich keineswegs mehr, dass die Nachrichten von den üblichen Berichten über die EU, die USA und wenigen regionalen Meldungen bestimmt waren. Auch die ewigen Neinsager hatten die gleichen Statements abgegeben, wie sie das seit Jahren taten. Es war so wie es gestern war und wie es noch übermorgen zu sein schien. Vielleicht war ich verrückt geworden oder ich schlief und erlebte einen Albtraum und würde bald von Mona Vetschs Lachen aus dem Radiowecker geweckt werden. Es war so wie immer und doch hatte sich etwas verändert. Vor dem Einschlafen liess ich mir nochmals die vergangene Zeit Revue passieren. Hatte ich etwa einen Unfall und war eine Zeit lang im Koma gelegen und hatte deswegen den Beitritt der Schweiz zu ihren Nachbarländern verpasst? Nein, das konnte es nicht sein. Ich hatte ja heute mit Schweizer Franken und nicht mit Euro bezahlt. Ich war gestern lediglich früh ins Bett gegangen und bin heute Morgen durch Mona Vetschs Lachen aus dem Radiowecker geweckt worden. Dass dies ein ganzes Land zum verschwinden bringen würde, glaubte ich nicht.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Schweiz war in der Tat verschwunden. Aber nicht über Nacht. Im Gegenteil, es war ein langsamer, schleichender Prozess, den alle miterlebt und mitkommentiert hatten. Darum war heute ausser mir auch niemand überrascht von ihrem Verschwinden. Dieser Prozess war bei weitem nicht ein politischer. Nein, während der grossen Rezession der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts hatte er begonnen: traditionsreiche Namen wie «Bally» oder die «BBC» gingen in ausländische Hände über. Die «Swissair» war zu Tode gewirtschaftet worden. Andere Schweizer Traditionshäuser fusionierten oder wurden von der inländischen Konkurrenz geschluckt. Dadurch entsanden sogenannte global player. Eine «UBS», «Credit Suisse» oder «Novartis» sind in tatsächlich in Zürich und Basel ebenso zu Hause wie in Singapur, New York oder Sidney. Umgekehrt halten picklige Teenies «Mac Donalds» oder «Starbucks» für Schweizer Unternehmen. Aber der Wirtschaft allein die Schuld für das Verschwinden der Schweiz zu geben, erschien mir falsch. Durch ihr Abseitsstehen in der Welt hatte sich die Schweiz immer mehr isoliert. Ein Beitritt zu Organisationen wie die UNO oder EU wurde durch die ewigen Neinsager verhindert, die alles und jedes ablehnten. Und als es um die nackte Existenz der Schweiz ging, da hatten sie das Jasagen schlichtwegs verlernt und negierten so die Existenz der Schweiz.

So war es gewesen, dachte ich, alles hatte seinen geregelten Lauf genommen. Durch ihr Abseitstehen und Neinsagen hatte sich die Schweiz von selbst aufgelöst, da sie nicht mehr an sich und ihre Zukunft geglaubt hatte. Mein nächster Gedanke war, ob denn das so schlecht wäre, dass es die Schweiz nicht mehr gibt. Ich meine, wer in der Weltgemeinschaft vermisst schon ein Land voller griesgrämiger und missgünstiger Leute, die ihre Minderwertigkeitskomplexe und verstaubten und geklauten Heldenmythen pflegen? War dieses Land denn wirklich meine Heimat? Möchte nicht jeder Mensch stolz auf seine Heimat sein? Stark, stolz, weltoffen und integrativ, so stelle ich mir meine Heimat vor, denn Heimat ist nicht nur ein Ort, Heimat ist auch ein Gefühl. Da die Schweiz nicht meinem Heimatbild entsprochen hat, habe ich also auch nichts verloren. Von diesem Standpunkt her gesehen, konnte ich mich auslachen, dass mich das Verschwinden der Schweiz aufgeregt hat. Durch das Verschwinden der Schweiz verlor ich also nicht meine Heimat, dachte ich erfreut. Im Gegenteil: Ich gewann wieder eine neue Heimat. Durch ihr Verschwinden hatten auch die Neinsager ihre Schweiz verloren. Mit Gewissheit würden sie auch diese neue Tatschache verneinen und weiterhin vor sich hinwursteln, als ob sich nichts verändert hätte. Ich hatte unter all den heimatlosen Schweizern wieder eine Heimat, denn Heimat ist das, was uns alle verbindet – nicht das Rütli, sondern die verschwundene, bessere Schweiz. Beruhigt darüber, dass auch ein Verlust ein Gewinn sein konnte, drehte ich mich auf die andere Seite. In ein paar Stunden würde ich wieder durch das Lachen Mona Vetschs aus dem Radiowecker geweckt werden.

 

Bemerkung
Geschrieben im Frühjahr 2001, musste die Geschichte bereits ein halbes Jahr später eine kleine Änderung erfahren, in der ursprünglichen Fassung war die Swiss noch die stolze, aber bereits todkranke Swissair und der Euro war noch nicht phyisch eingeführt.

Solothurner Literaturtage 2008
2008 beteiligte sich Yves Baer am OpenNet Wettbewerb der Solothurner Literaturtage mit «der Tag an dem die Schweiz verschwand

 

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Das Plakat der 30. Solothurer Literaturtage 2008 von Reto Ramel, Solothurn.

Bild: literatur.ch



der Tag an dem die Schweiz verschwand – 2001

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