Gantenbeins Engel
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Ich pralle gegen eine graue Felswand. Keine Ahnung, woher die plötzlich kommt. Ebensowenig weiss ich, woher ich gekommen bin und wohin ich unterwegs bin. Alles, was ich realisiere, ist diese Felswand. Ich schüttle meinen Kopf und blinzle ein paar Mal, in der Hoffnung, dass ich danach klarer sehe. In der Tat schärft sich mein Blick: Die Felswand steht noch immer da, aber ich beginne Details im Stein zu erkennen. Es scheint Granit zu sein. Ich befinde mich auf einem Talboden, vor Urzeiten muss hier ein massiver Gletscher vorbeigeschrammt sein. Das infernalische Quintett von Wind, Wetter, Wasser, Eis und Erosion konnte dem Gestein nicht viel anhaben. Da und dort ist es zwar etwas verwittert. An den kleinen Schrammen, die wie Hautschürfungen den Fels zeichnen, wachsen Moos und Flechten. Leben, das in dieser Primitivvegetation kreucht und fleucht, kann ich keines erkennen. Ich biege meine Schultern nach hinten, um den Rücken etwas zu entspannen. Hierbei arbeitet mein Geist auf Hochtouren und verarbeitet unbewusst die verschiedenen Informationen, die von allen Seiten auf ihn einprasseln. Ehe das zentrale Denkorgan eine klar formulierte Lageanalyse ausspucken kann, beginnt sich das unangenehme Gefühl der Erkenntnis auszubreiten. Offenbar kann ich meine Arme nicht bewegen, weil meine Hände auf dem Rücken gefesselt sind. Doch bevor mein Gehirn die einzig relevanten Fragen nach dem Warum und Wie formulieren kann, durchströmt mich ein weiterer Strom der Erkenntnis. Das Gefühl lässt sich nicht beschreiben, dessen Assoziation ist Caramelcrème, bzw. ein Hochwasser führender Fluss, der nach einem Gewitter über die Ufer tritt. Vor meinen Augen verschwimmt die Felswand und ich kann bloss noch Farben in der gesamten Bandbreite von Grau über Olivgrün nach Braun erkennen. Ich lege den Kopf in den Nacken und atme tief durch. Doch die unangenehme Erkenntnis beginnt sich von den Gefühlen her in den Verstand zu fressen. Mein Herz beginnt wie wild zu schlagen, ich kriege Angst. Angst, wie ich sie noch nie zuvor verspürt habe. Noch einmal versuche ich meine Arme zu bewegen, erfolglos. Wort für Wort spuckt mein Verstand eruptionsartig die Worte an meine Schädeldecke:
«Die Hände sind auf dem Rücken gefesselt! Ich bin gefangen!»

Für einen kurzen Moment schliesse ich die Augen. Doch das hilft mir kein bisschen weiter. Stattdessen beginne ich am ganzen Körper die Beklemmung zu spüren, die bisher nur mein Herz zugeschnürt hatte.

Ich öffne die Augen wieder, alles ist in dieses gräuliche Licht eingetaucht. Dieses typische Licht und die gebundenen Hände können nur bedeuten, dass er mich erwischt hat!

Noch immer habe ich den Kopf in den Nacken gelegt. Lockerung für meine angespannten Muskeln und den schmerzenden Rücken erfahre ich nicht. Langsam senke ich den Kopf in Normalposition zurück. Für einen Moment sehe ich die Felswand vor mir. So steinern und unbelebt wie zuvor. Dann schlägt mein Kopf an etwas Weiches. Ich nehme eine Männerbrust in einer braungrauen Uniform wahr. Doch bevor ich dieses neue Bild verarbeitet, gedeutet und verstanden habe, finde ich mich dreissig Meter weiter hinten auf einem Kiesboden liegend wieder.

Hinter mir hat es Büsche, ich scheine mich offenbar in der Nähe eines Flusses zu befinden. Plätschern oder Rauschen höre ich nicht, dennoch weiss ich es. Genauso wie ich weiss, dass ich ein Gefangener bin.

Sein Gefangener.

Max Frisch stellt zu Beginn von «Mein Name sei Gantenbein» fest, dass ein Mann eine Erfahrung macht. Diese besteht aus einer Vielzahl verursachender Elemente, die schlussendlich in die entsprechende Erfahrung und einen Rattenschwanz weiterer Elemente münden – die per se betrachtet die logische Abfolge weiterer Handlungen sind, die aus dieser Erfahrung resultieren. Im Falle von Gantenbein ist es einfach: Er wird von seiner Frau verlassen. Soweit die biografische Parallele zwischen Gantenbein und mir. Doch was geschieht, wenn sich aus der Erfahrung keine Handlungskette mehr ableiten lässt? Oder anders gefragt, wenn die Erfahrung nicht charakterlose Frau sondern Krebsgeschwür heisst? Oder Herzinfarkt? Burnout? Dass Menschen zu treulosen Verrätern werden, gehört zu den traurigen Erfahrungen eines jeden Lebens. Doch wie verhält es sich im Falle einer Krankheit? Wenn plötzlich der eigene Körper oder die Seele einem den Krieg erklärt? Ist es bloss der Vergeltungsschlag des Ichs gegen das Selbst? Ein simpler Bruderkrieg des Egos?

Mein Name ist nicht Gantenbein. Und ich stelle mir auch nicht vor, dass dies mein Name wäre. Ich bin weder blind noch heisse ich Svobodà. Ich habe diesselbe Erfahrung wie dieser Gantenbein gemacht. Genauso wie er befand ich mich im Gefängnis der kreisenden Gedanken. Gut möglich, dass ich mir meine Erfahrung auch in allen Schattierungen, mit den unterschiedlichen Mischung der dazugehörigen Elemente durchgespielt habe. Doch auf die verrückte Idee, Gantenbein zu sein, bin ich nicht gekommen. Gantenbein. Ein lächerlicher Name. Nicht mal die Tatsache, dass sich nun plötzlich die Spielregeln geändert haben sollen, veranlasst mich dazu, mir vorzustellen, Gantenbein zu sein.

Bin ich Gantenbein?

Ich stelle mir vor, dass ich mich selbst bin. Daran besteht kein Zweifel. Wie Gott im alten Testament sagt: «Ich bin der ich bin.»
Also vergessen wir Gantenbein. Ich bin auch nicht Max Frisch. Ich bin ich. Im Gegensatz zu Frischens Erzähler, der sich vorstellt, Gantenbein zu sein, kann ich die Rollen nicht beliebig wechseln.

Ich bin ich und bleibe mich.

Ich muss also Gantenbein sein.

Denn egal, ob ich mir vorstelle Gantenbein zu sein, oder ob ich einfach mich selbst bin, ich finde mich an derselben Stelle wieder.

Endlich überblicke ich die Situation. Die Hände sind noch immer auf dem Rücken gebunden, was das Aufstehen erschwert. Vor mir befindet sich ein gekiestes Ufer, das bis zur Felswand geht. Darin hat es eine Höhle. Ein grosser Stein, der einmal deren Eingang versperrt haben muss, ist zur Seite geschoben. Vor dem Eingang steht der Besitzer der uniformierten Brust, die ich zuvor gesehen habe. Eine braune Uniform am ganzen Körper tragend, dazu Kampfstiefel.

Über ein Vierteljahrhundert hat er mich verfolgt. Jedes Mal konnte ich fliehen. Manchmal war es ganz einfach, manchmal wurde es eng. In einigen Träumen streckte er seine Hand nach mir aus. Ob er mich berührte, weiss ich nicht. Ich glaube es nicht. Denn jedesmal, wenn er mich verfolgte und mich einzufangen drohte, erwachte ich schreiend. Erwischt hat er mich noch nie.

Jetzt finde ich mich von Beginn an gefangen wieder.

Eine Verfolgungsjagd hat es nicht gegeben. Im Gegenteil. Seit über einem halben Jahr bin ich am Burnout erkrankt. Seit Monaten durchlebe ich die nächtliche Hölle. Doch er hat mich bisher in Ruhe gelassen. Während Monaten rechnete ich damit, dass er mich wieder jagen würde. Da ich ein ausgebranntes Wrack bin, rechnete ich mir keine grossen Fluchtchancen mehr aus. Dass er mich aber erwischt, das hat es in einem Vierteljahrhundert wiederkehrender Albtraumerfahrung nicht gegeben.

Einfach ohne Ankündigung die Regeln zu ändern, ist unfair. Denn während des Burnouts hat er mich nie verfolgt.

Irgend etwas Wichtiges muss geschehen sein.

Ich erinnere mich an die ersten Träume. Es war auf dem Schulweg. Er verfolgte mich praktisch von zuhause aus. Ich versuchte zu fliehen, doch meine Beine waren gelähmt. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte sie nicht bewegen. Auch wenn ich das Gefühl hatte, zu erwachen, blieben die Beine bleiern. Nach ein paar Nächten des Nichterwachenkönnens kam ich auf die rettende Idee: Ich musste bloss meine Hände wie im Brustschwumm bewegen und schon flog ich davon.

Ich flog und er konnte mir nicht folgen.

Doch meine Hände sind auf dem Rücken gebunden.

Ich schaue ihn an. Er trägt eine braune Uniform und eine Kuhmaske. Was soll die Maskerade? Sowohl er wie ich wissen, wer er ist.

Na gut, dann ist es heute eine Kuhmaske. Als ich Kind war, verkleidete er sich als Geheimagent mit Hut und Regenmantel. Bloss hatte er kein Gesicht und keine Hände, sondern war der Schattenmann. Einen Trumpf hatte ich in der Hand: Ich konnte fliegen und bin ihm davon geflogen. Mindestens für ein Jahrzehnt. Ich hatte ihn vergessen. Doch irgendwann gegen Ende der 90er-Jahre, da ist er wieder aufgetaucht. Nächtelang jagte er mich durch Städte und Landschaften. Jedes Mal erwachte ich um Hilfe schreiend. Und jedesmal betete ich stossgebetartig das «Vater unser». Solange, bis sich mein rasendes Herz beruhigt hatte.

Mein Herz schlägt wie wild. Doch endlich weiss ich, wie ich entrinnen kann. Da ich auf dem Boden liege, wird es nicht so einfach sein, davonzurennen. Doch was, wenn ich einfach schreien würde? Das hat noch jedes Mal funktioniert! Und dann, wenn die Augen geöffnet sind, ein paar Mal das «Vater unser» beten. Es ist zwar eine verlorene Nacht, aber ich wäre aus dem Albtraum erwacht. Ich atme tief durch und fülle meine Lungen mit Luft. Ich öffne den Mund und beginne zu schreien.

Ich kann nichts hören.

Es ist, als wäre eine Käseglocke über mich gestülpt und ich mich von aussen sehe, jämmerlich darunter gefangen.

Ich erinnere mich. Er trug keinen Mantel und Hut mehr. Er verfolgte mich, so wie er war. Als Schatten. Doch auch das war nur eine weitere Verkleidung.

Ich weiss, wer er ist.

Heute weiss ich, weshalb er hinter mir her ist.

Ich erinnere mich, ich kaufte in einer modernen City ein. Zürich war es nicht. Es war eine Innenstadt mit Hochhäusern und sehr viel Glas. Es war ein schöner Tag. Es hatte Werbeposter, doch wofür geworben wurde, weiss ich nicht mehr. Plötzlich hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden. Dieses Szenario spielte sich für ein paar Nächte ab. Manchmal konnte ich mich in einen Laden retten, manchmal musste ich mich in einem dieser Glashäuser verbarrikadieren. Manchmal musste ich die Verkäuferin im Warenhaus am Ende der Strasse schwängern. In jeder dieser Nächte war es ein stupides Videospielszenario. In jeder dieser Nächte erwachte ich schreiend und das «Vater unser» betend.

Ich kann nicht schreien. Ich erwache nicht!

Die nächste Szenerie fand im Wald statt. Er verfolgte mich wieder als Schatten. Irgendwie gelang es mir, ihn zu überlisten und in eine Höhle einzusperen. Zusammen mit irgendwelchen Gehilfen konnte ich einen grossen Stein vor die Höhle stossen. Er war gefangen drin. Er wütete und fluchte, doch es half ihm nichts.

Erleichterung machte sich breit. Er war gefangen.

Ein paar Mal musste ich an den Ort der Gefangennahme zurückkehren. Doch er war noch immer eingesperrt. Ich hatte für ein paar Jahre Ruhe. Irgendwann hatte ich die Gewissheit, dass er sich wieder befreien würde. Doch dagegen unternehmen konnte ich nichts. Vereinzelt wurde ich von seinen Helferchen gejagt, aber die besiegte ich alle alleine.

Also doch wie Gantenbein. Diesselbe Geschichte aus allen erdenklichen Blickwinkeln neu betrachtet.

Eines Nachts, es war vor zwei oder drei Jahren, wurde ich an die Höhle im Wald geführt. Der Wald um den Höhleneingang war abgeholzt worden, der Stein zur Seite geschoben. Er war wieder frei. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Doch nichts geschah. Dafür war alles in dieses gräuliche Licht getaucht. Seither reichte es aus, dass ich dieses Licht wahrnahm, dass ich schreiend erwachte.

Dann ist der Burnout gekommen.

Es wäre der Weg des geringsten Widerstandes, wenn er mich nun einfangen würde, denn ich wäre mit Bestimmheit zu schwach, um zu fliehen.

Doch er hatte gar nicht zu kommen. Die Ausserirdischen haben ihm die Arbeit abgenommen. In der ersten Nacht war das Licht leuchtend weiss. Als ich spürte, dass sie kommen, erwachte ich schreiend und betete das «Vater unser». Auch in der zweiten Nacht war das Szenario dasselbe. In der dritten Nacht träumte ich, dass mich meine Mutter weckte. Ich drehte mich auf die andere Seite und öffnete meine Augen. Das Schlafzimmer war in weisses Licht getaucht. «Sie sind da!», schoss es mir durch den Kopf. Ich schloss die Augen begann das «Vater unser» zu beten. Angsterfüllt öffnete ich die Augen. Alles war in Ordnung.

Ich war wieder eingeschlafen, doch dann hörte ich ein Erdbeben kommen. Ich öffnete die Augen und fand mich in einem weissen Raum wieder. Das «Vater unser» war offenbar wirkungslos geblieben. Wo mein Wecker stehen sollte, stand eine elektronische Apparatur mit unverständlichen Zeichen. Sie hatten mich. Weshalb ich es vorgezogen habe, die Augen zu schliessen.

Dennoch betete ich das «Vater unser».

Beunruhigt, dass damals nichts geschehen ist, war ich wieder eingeschlafen. Da hörte ich das Rumoren aus der Erde: ein Nachbeben, schoss es mir durch den Kopf. Und schon begann sich das Bett zu bewegen. Seit über anderthalb Jahrzehnten war ich entweder von ihm oder von Ausserirdischen verfolgt worden. Jedes Mal war konnte ich schreiend erwachen und mit dem Stossgebet Sicherheit gewinnen. Ein Jahrzehnt hatte ich nicht mehr von Ausserirdischen geträumt.

Während des Bunrouts wurde ich von Extraterrestrischen entführt und das einzig wahre Gebet, weil von Jesus gelehrt, wirkte nicht mehr. Als direkte Folge davon werde ich ihm nun zwei Monate später als Gefangener vorgeführt.

Jetzt bin ich Gantenbein. Gefangen ein einer üblen Geschichte, aus der ich trotz aller Anstrengung nicht raus kann.

Ich möchte fliehen und kann nicht. Ich möchte schreien, um aus dem Albtraum erwachen zu können. Doch ich kann nicht. Mein Herz beginnt wie wild zu schlagen, mein Brustkorb scheint zu platzen, ich sterbe fast vor Angst. Da macht er einen Schritt auf mich zu.

Ich schreie.

Ich sollte erwachen.

Ich höre nichts.

Auf einmal bin ich etwas von ihm entfernt. Er streckt die Hand nach mir aus.

Warum höre ich nichts?

Hat Gantenbein je nach Frisch geschrien?

Seine Hand kommt immer näher.

Ich schreie lauter.

Warum kann ich nicht Svobodà in Gantenbein sein?

Warum kann ich mich nicht hören, wenn ich schreie? Bin ich taub? Oder stumm? Oder beides?

Monster haben Hände, Monster haben Klauen. Er streckt seine Hand nach mir aus. Doch da ist…

… nichts!

Gantenbein ist nicht nichts. Er ist ein niemand, für den sich nicht mal mehr seine Frau Lila interessiert.

Er streckt seine Hand nach mir aus. Das blanke Entsetzen. Ich schreie.

Gantenbein ist nur scheinbar blind. Deshalb kann ich sehen. – Ich bin wohl stumm, denn ein Schrei gelingt mir nicht.

Seine Nichthand kommt immer näher auf mich zu. Kalter Schweiss läuft mir über die Stirn. Mein Herz droht zu zerplatzen. Er hat keine Finger. Und doch ist dies ein eindeutig ein Zeigefinger, der auf mich zu kommt.

Noch drei Zentimeter.

Ich kann nicht Gantenbein sein, der ist blind.

Ich sehe seinen Nichtfinger: Noch zwei Zentimeter.

Ich kann nicht schreien!

Noch ein Zentimeter.

Ich kann nicht erwachen!

Er berührt mich.

Nichts geschieht.

Ich muss etwas zurückgewichen sein. So unmöglich das ist. Da nichts geschieht, kann er mich noch nicht berührt haben.

Gantenbein spielt das ganze Buch über den Blinden. Sogar wenn er wieder sehend ist. Auch ohne Stock, Armbinde und Sonnenbrille ist er blind. Ich bin gefangen. Gefangen von ihm. Ein Vierteljahrhundert hat er mich nicht berührt und jetzt steht er kurz davor. Als ich noch schreiend erwachen konnte, war das «Vater unser» die Rettung.

Gantenbein konnte nicht fliehen. Ich habe das «Vater unser».

Also bete ich.

Nichts geschieht.

Seine Hand kommt erneut immer näher.

Mein Herz droht zu zerplatzen.

Gantenbein wäre längstens an einem Infarkt gestorben.

Ich sehe seine Hand nicht mehr, nur noch den Arm seines Uniformhemdes.

Weshalb hat er mich noch nicht berührt?

Langsam blicke ich an mir hinab. Sein schwarzer Nichtfinger ist kurz vor der Berührung. Ich möchte schreien. Ich möchte das «Vater unser» beten. Zwei Wege, um aus der Situation zu kommen, doch unfähig, einen der beiden zu nehmen.

Ich höre einen Schrei.

Er hat mich berührt. Nach fündundzwanzig Jahren hat er mich zum ersten Mal berührt.

Ich hörte einen weiteren Schrei und glaube, dass es meiner ist. Er hat mich berührt.

Es ist das erste Mal.

Nichts geschieht.

Sein Gift muss noch wirken. Ich bin mir sicher, dass er giftig ist. Bestimmt sterbe ich gleich. Oder ich bin schon tot und habe es noch nicht bemerkt. Denn das möchte er ja. Nach einem Vierteljarhundert Jagd hat er es endlich geschafft und mich gestellt. Ich kann mit gutem Gewissen abtreten. Ich habe ihm die Jagd so schwierig wie möglich gemacht. Nicht jeder sperrt ihn für ein paar Jahre in eine Höhle ein.

Ich höre einen Schrei.

Nichts geschieht.

Dieses Mal war es sicher mein Schrei. Doch erwachen kann ich nicht.

Ich habe geschrien.

Mir geht es gut. Ich lebe. Ich habe geschrien. Habe gebetet. Doch wach bin ich nicht.

Oder bin ich es schon die ganze Zeit?

Ich hörte drei Schreie. Der letzte war von mir. Der zweite von ihm.

Und der erste?

Gantenbein hat nie geschrien. Auch nicht gebetet. Aber dies tut nichts zur Sache.

Zur Abwechslung finde ich mich wieder auf dem Kies liegend. Hinter mir die Büsche und der gefühlte, aber weder gehörte noch gesehene Fluss. Vor mir das gekieste Ufer und die Granitwand mit der Höhle. Ich erinnere mich: Ich hatte ihn in eine Höhle bei einem Baumstrunk eingesperrt. Musste ein Fuchsbau gewesen sein. Weshalb ist da eine Felswand?

Das gehört sicher mit zum Spiel.

Egal, ob ich mir vorstelle Gantenbein zu sein oder mich selbst. Ich finde mich an derselben Stelle wieder. Wie Grossonkel Ödipus. Der konnte auch nicht vor seinem Schicksal fliehen.

Oder war es nicht eher eine Flucht vor sich selbst?

Hat Gantenbein was mit Ödipus zu tun?

«Ein Mann macht eine Erfahrung.» So Frisch.

Ich habe eine Erfahrung gemacht. Wie Gantenbein. Sogar dieselbe. Weshalb also bin ich wieder zurück auf Feld Null? Doch nicht etwa, weil ich den ganzen Scheiss nochmals aus einer anderen Warte aus betrachtet erleben sollte?

Ich erinnere mich. Er streckte seine Hand nach mir aus. Ich erkannte, dass mein Jäger er selber ist. Der Schattenmann. Denn sein Körper besteht nur aus Schatten. Weshalb also die Uniform und Kuhmaske? Ich habe keine Angst vor Kühen und Vegetarier bin ich auch nicht. Dennoch ist es ein Finger und kein Huf, der sich nach mir ausstreckt. Näher, immer näher kommt er. Ich versuche zu schreien. Es gelingt mir nicht.

Ich versuche zu beten. Es gelingt nicht richtig.

Schon kann ich die Hand nicht sehen. Und dann der Schrei.

Gantenbein an Frisch: Gibt es etwas, was ich als Pseudoblinder übersehen habe?

Ich bin, wo ich bin. Vor mir das gekieste Flussufer mit der Granitwand und der Höhle. Da sollte er eigentlich stehen, in seiner braunen Uniform und der Kuhmaske. Doch da ist nichts und niemand.

Ich atme auf.

Ich erinnere mich. Der erste Schrei kam von rechts. Seiner ging nach links und verstummte dann. Danach wurde ich zurückgeschleudert, wie ich es zu Beginn worden war.

Gantenbein wurde nie herumgekickt.

Anstatt der braunen Gestalt mit Kuhmaske steht eine leuchtendweisse mit blondem Haar und gezogenem Schwert da.

Vom Schwert tropft Blut.

Mir geht es gut.

Ich bin unverletzt.

Für einen Moment ist die Angst verfolgen.

Der Weisse hat eine Waffe.

Mein Herz möchte wieder sein Gefängnis hinter den Rippen verlassen. Wie ein Irrer pocht es gegen die Rippen. Ich möchte Schreien. Ich möchte das «Vater unser» beten. Ich kann nicht. Aber ich kann frei atmen.

Der Weisse streckt mir seine Hand entegegen.
«Fürchte dich nicht!», spricht er.

Vorhin hatte mir Beklemmung die Kehle zugeschnürt. Jetzt ist sie weggeblieben und ich kann frei atmen. Doch wohl ist mir trotz allem nicht. Auch wenn ich mich erleichtert fühle.

Die Fesseln um meine Handgelenke sind gelöst. Ich habe stattdessen eine Decke über den Schultern. Das hatte Gantenbein nie. Er hatte nur Leute um sich, die sich in seiner Blindheit geborgen fühlten. Der Weisse löste meine Fesseln und gab mir eine Decke.

Und sprach die biblischen Worte: «Fürchte dich nicht!»

Engel sind keine kindlichen Butten mit nackten Ärschen oder darum gewickelten Windeln, wie sie seit dem Barock dargestellt werden. Und mit den esoterischen Lichtgestalten haben sie gerade nochmals nichts zu tun. Engelserscheinungen erschrecken zunächst einmal und machen gehörig Angst. Egal, wo sie in der Bibel auftreten, lautet ihr erster Satz: «Fürchte dich nicht…»

Mein Herz schlägt wie wild und ich habe Angst. Einzig die Beklemmung fehlt mir beim Anblick des Engels. Nennen wir ihn Michael. Er lächelt mich an und sagt beruhigend: «Fürchte dich nicht. Es ist alles gut.»

Doch unterdessen hat er sich vom Schlag erholt und ebenfalls seine Waffe gezogen. Mit Gebrüll stürzt er sich auf Michael. Er hat das Momentum auf seiner Seite, der Engel hat noch immer zu mir gesprochen.

Gantenbein hatte keine Angst.

Angst hatte ich schon zuvor, als ich wehrlos vor ihm lag und er mich zu berühren versuchte. Angst hatte ich, als Michael sich an mich wandte. Doch nun steigert sie noch mehr, mein Herz droht zu zerspringen. Derweil ein furchtbarer Kampf entbrennt. Fürchterliches Kampfgeschrei liegt über der ganzen Szenerie. Es wird vor mir, über mir, neben mir, hinter mir gekämpft, ich bin mitten drin und kann trotz meiner Angst noch immer nicht schreien und erwachen. Vorhin hatte ich eine Angst, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Nun habe ich schon wieder eine ungekannte Angst. Die trotz ihrer erschreckender Elemente irgendwie etwas positives an sich hat. Unter meiner Decke verborgen, linse ich durch einen Spalte hervor und blicke auf den furchterregenden Kampf. Auf die Idee, das «Vater unser »zu beten, komme ich trotz meiner Angst nicht mehr.

Gantenbein hat es nie gebetet. Vielleicht brauche ich es auch nicht (mehr).

Plötzlich ist die Decke fort. Schützend schlage ich die Hände über meinem Kopf zusammen und versuche mich so klein wie möglich zu machen, weil ich nicht im Boden versinken kann. Der Kampflärm, die wütenden und schnaubenden Schreie und meine Angst sind allgegenwärtig. Scheu blicke unter meinen Armen hevor und sehe wie der Kampf tobt. Der Engel holt zu einem Schlag aus und schlägt ihm einen Arm ab. Wut und Zorn vermischen sich. Da spielt es keine Rolle mehr, ob er nun ein- oder zweiarmig ist. Er drischt mit seinem Schwert auf Michael ein und drängt ihm aus meinem Blickfeld. Ich wage nicht hinzusehen sondern schütze mich wieder.

Ein hässlicher Schrei erklingt.

Bei Gantenbein wurde nie geschrien.

Ein weiterer Schrei erklingt.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frisch bei Gantenbein Schreie eingebaut hat.

Die Schreie füllen den Raum.

Es wird geschrien. Ich bin nicht Gantenbein.

Es ist still.

Ich bin ich.

Ein furchterregender Schrei von einem Verwundeten erklingt.

Danach ist es still.

Ich bin ich.

Das graue Licht verschwindet. Es tagt.

Ich bin ich.

Ich habe keine Angst mehr. Etwas Grundlegendes ist geschehen.

Bei Gantenbein geschieht nichts.

Ich bin ich.

Was heisst das?

Ich habe keine Angst mehr.

Das Licht ist normal. Michael steht vor mir und streckt mir seine Hand entgegen. Er sagt: «Fürchte dich nicht.»

Ich glaube ihm nicht. Die Angst hat mich geschafft. Ich kann nicht mehr reagieren. Ich bin KO. Alle meine Ausflüchte tönen hohl. Sie sind leer.

Ich bin…

Habe keine Kraft mehr zu sprechen. Mag auch nicht Michaels Hand nehmen.

Er spricht: «Fürchte dich nicht. Es ist vorbei.»

Ich bin regungslos und nehme bloss seine Worte wahr. Und sehe, dass Michael seine Hand nach mir ausstreckt. Nochmals kriege ich es mit der Angst zu tun. Doch Michael hat mich bereits am Arm gepackt und führt mich nun fort. Fort vom steinigen Bachufer. Ich spüre, dass ich Michael vertrauen kann. Er hat mich gerettet.

Als ich etwas später erwache, scheint die Sonne zum Schlafzimmerfenster rein.

 

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Gantenbeins Engel – 2008/2009  

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