Drôle de Guerre
27. Februar 2010


Nun ist es offiziell. Zum ersten Mal seit den französischen Revolutionstruppen von 1799 hat jemand der Schweiz den Krieg erklärt. Doch nicht bloss einen gewöhnlichen Krieg oder einen Wirtschaftskrieg, den gewisse wirtschaftliche Eliten schon länger ausgemacht zu haben scheinen, –
Es ist ein heiliger Krieg: Der libysche Staatschef Oberst Muhammar Al Gaddafi hat bei seiner Ansprache zum Geburtstag des Propheten Mohammed zum Dschihad gegen die Schweiz aufgerufen: «Jeder Muslim in der Welt, der mit der Schweiz zusammenarbeitet, ist ein Abtrünniger und gegen Mohammed, Gott und den Koran». Neuester Grund für die verbale Attacke Gaddafis ist das Minarettverbot. «Der ungläubigen und abtrünnigen Schweiz, die die Häuser Allahs zerstört, muss mit allen Mitteln der Dschihad erklärt werden.»

Bomben sind keine gefallen, libysche Fallschirmspringer haben die Schweiz auch noch nicht besetzt, auch das diplomatische Personal ist noch nicht abgezogen worden, weder hat eine Mobilmachung wie 1939 stattgefunden noch haben die Reservetruppen den Marschbefehl erhalten. Gaddafis Forderung im letzten Herbst, die UNO müsse die Schweiz aufteilen und ihren Nachbarländern zuschlagen, hatte noch für Empörung gesorgt, nun nimmt man die Kriegserklärung bloss als weitere Eskapade im Streit zwischen Libyen und der Schweiz zur Kenntnis. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten schweigt dazu.

Nicht so die UNO: Der UNO-Generaldirektor in Genf, Sergei Ordschonikize, hat die Aussagen des libyschen Despoten scharf verurteilt: «Solche Erklärungen aus dem Munde eines Staatschefs sind nicht hinnehmbar.» Auch die EU verurteilte die Verbalattacke Gaddafis. Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und Libyen, die unter dem Patronat der EU stattfinden, stünden kurz vor einem Durchbruch. Der italienische Aussenminister Fatini, der unlängst die Schweiz wegen ihres Einreisemoratoriums gegenüber 180 libyschen Staatsbürgern hart kritisiert hatte, rief zur Ruhe auf und liess verlauten, dass es weder im Interesse Europas noch Italiens wäre, wenn der Konflikt weiter eskalieren würde. –

Dass die EU nicht immer Meisterin im Vermitteln ist, hat sie schon mehrmals bewiesen. Sollte sie nicht innert nützlicher Frist eine Lösung zu Stande bringen, ist es an den Amerikanern, mit Libyen zu verhandeln. Nach ihrem langjährigen Embargo sind die USA verglichen mit Europa noch immer im Hintertreffen in den Handelsbeziehungen mit dem Saharastaat. Weshalb eine amerikanische Vermittlung im Konflikt zwischen der Schweiz und Libyen vor allem die Europäer teuer zu stehen käme. Keine Auswirkungen hat die einseitige Kriegserklärung Gaddafis auf das Schweizer Tankstellennetz der libyschen Tamoil. Wenn Oberst Gaddafi konsequent wäre, würde er die Schweizer Tankstellen der libyschen Erdölgesellschaft nicht mehr mit Öl beliefern, wie er es im Herbst 2008 auch angedroht hatte. Allerdings, und dies dürfte wohl der Grund für diese drôle de guerre sein, weshalb Tamoil nicht vom helvetisch libyschen Geplänkel betroffen ist, Tamoil besitzt in Europa bloss drei Raffinerien, eine davon in Colombey im Wallis. Hitler hatte die Schweiz nicht überfallen, weil kein normaler Mensch seine eigene Bank überfällt. Gadaffi hat zwar sein Geld von den Schweizer Banken abgezogen. Dass er aber auf einen Drittel seines Erdölabsatzes in Europa verzichtet, ist auch bei einem in seiner Ehre gekränkten und als unzurechnungsfähig bezeichneten Berber-Potentaten nicht anzunehmen. Ebensowenig, wie dass die Schweiz nun Opfer von Terroranschlägen werden würde, wie eine Deutscher Bekannter befürchtet hatte. Denn Oberst Gadaffi wird in der islamischen Welt nicht als religiöser Führer sondern als Faschingsdiktator wahrgenommen, was daran liegt, dass er sich einmal vom Islam abgekehrt und nach der Drohung einer islamischen Revolution durch die geistlichen Führer Libyens sich wieder dazu bekannt hatte. –

A propos Faschingsdiktator: Wer Oberst Gaddafis Designer-Uniformen mit den zu grossen Epauletten und den inflationär verwendeten Orden genauer betrachtet, fühlt sich unweigerlich an Requisiten eines B-Movies aus Hollywood erinnert. Und der Name des ehemaligen Geheimdienstchefs und heutigen libyschen Aussenministers, Moussa Koussa, erinnert auch mehr an ein Operettenlibretto denn an eine Menschen verachtende Diktatur. –

raffinerie colombey




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fast wie im Krieg – 24. Februar
Ciao Sepp – 8. Februar
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