Von Menschen und Murmeltieren
22. Mai 2010


Ein piepsender Vogel, ein Schneefeld, ein paar Felsen, darunter jener, der mir als Sitz dient, ein Stall, daneben ein als Stall getarnter Bunker und hunderte von weissen Krokussen, flach dem Hang entlang und mit geschlossenen Blüten auf der Matte liegen, so als ob der geschmolzene Schnee von Mitte Woche noch auf ihnen laste, geniessen mit mir das grandiose Panorama, das sich auf gut 1900 M. ü. M. oberhalb der Seilbahnstation Naraus bietet: Startende Gleitschirmflieger mit ihren roten Schirmen, unter ihnen von Löwenzahn gelbe Matten, die braunweissen Häuser von Flims und Laax mit dem türkisfarbenen See, der dunkle Flimser Tannenwald, dahinter erhebt sich die Signinagruppe, linkerhand eingeschnitten vom Safiental, danaben der Heinzenbergkette mit einem Gupf Schnee, unsichtbar folgt das grüne Domleschg, darüber wieder sichtbar Feldis, der Dreibündenstein aber auch die Schnee bedeckten Gipfel des Stätzerhorns und des Scalottas, welche die Grenze zur wiederum unsichtbaren Lenzerheide bilden. Hinter dem Scalottas blitzen zwischen den weissen Schönwetterwolken die Schneebedeckten 3000er Richtung Julier hervor. Rechts der Signina sieht man über den bewaldeten Flimser Bergsturz ins Valsertal und Lugnez. Der Blick macht Halt in Obersaxen, beim Piz Mundaun und dem markanten schneebedeckten Piz Terri, während das Vorderrheintal hinter dem Crap Sogn Gion verschwindet. Folgt man seinem Grat aufwärts, folgt der Crap Masegn, die Seilbahnstation des Graubergs, darüber das Laaxerstöckli, der Ofen und sieht wenigstens noch eine weisse Spitze der Tschingelhörner. Der Schnee ist der Grund, dass die Wanderung ins Martinsloch gesperrt ist. Als Ausgleich zur grandiosen Fastrundumsicht ist im Rücken nur noch der nackte, vom Gletscher abgeschliffene Kalkfels des Flimsersteins. Während der Panoramabetrachtung bricht die Sonne hinter einer Schönwetterwolke hervor, was ausreicht, dass sich die Krokusse aufrichten und ihre Blüten öffnen. Man kann ihnen dabei zuschauen! Als ich meinen Sitzplatz verlasse, kehre ich über eine nun weissgesprenkelte Bergwiese zur Station Naraus zurück.

Den Bunker darüber nimmt man weder vom Wanderweg noch von der Seilbahnstation wahr, obwohl er genauso unauffällig auffällig getarnt ist wie seine Artgenossen hoch über dem Thunersee, über dem Dach der Galerie beim Urnerloch oder auf der Weissfluh in Davos. Auf dem Aufstieg zu meinem Sitzplatz sind mir noch ein paar Löcher in der Wiese aufgefallen, die von Murmeltieren, dem Flimser Wappentier, gegraben worden sind. Offenbar wollen neben den menschlichen Eidgenossen auch die pelzigen mit den Nagezähnen und schrillen Pfiffen den alterwürdigen Flimserstein auf Teufel komm raus aushöhlen. Was den Vierbeinern, die sich oft aufrichten, als natürliches Dach über dem Kopf dient, ist bei den aufrecht gehenden Zweibeinern Gradmesser ihres mentalen Gesundheitszustandes. –



naraus


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