75 Jahre SP Zürich 10
von Solidarität und anderen Visionen
22. August 2008

Die SP Zürich 10 feiert am 30. August ihr 75-Jahr-Jubiläum sowie 100 Jahre SP Höngg und SP Wipkingen. Zu diesem Anlass erscheint die Festschrift «Denken Reden Handeln». Auf über 230 Seiten breitet sich eine spannende und überraschende Lektüre aus, die – weit über das Parteigeschehen hinaus – eine Geschichte des Stadtkreis 10, seiner Institutionen und Quartiere darbietet.


Das Buch ergänzt die bestehenden Quartierchroniken aus der Sicht der Arbeiterbewegung. Damit wird das Höngger Geschichtsbild vom Winzer- zum Arbeiterdorf des 19. und 20. Jahrhundert korrigiert. Gespräche mit Persönlichkeiten wie alt-Bundesrichter Adolf Lüchinger über seinen gleichnamigen Vater und Stadtpräsidenten von 1944-1949, alt-Nationalrat Alfred Affolter, alt-Stadtpräsident Josef Estermann sowie alt-Stadträtin Emilie Lieberherr machen die Geschichte persönlich erlebbar. Panel-Gespräche mit zeitgenössischen ExponentInnen der Sektion zeigen, wie die seit ihrer Gründung wählerstärkste Partei des Kreis 10 aktuell über alle Generation politisch tickt.

«100- oder 75-jährige Jubiläen laden zur Besinnung auf Geschichte ein. Man erhofft sich von solcher Erinnerung jene Klarheit des Denkens über die Vergangenheit, die wir von der Zukunft, auf die wir uns zu bewegen, nicht haben.», schreibt Anita Ulrich, Vorsteherin des Schweizerischen Sozialarchivs in ihrem Vorwort zur Festschrift «Denken Reden Handeln», die die SP Zürich 10 anlässlich ihrer Jubiläumsfeier veröffentlicht. «Die Gründungsväter – Gründungsmütter gab es damals noch keine – wussten, was sie wollten. Zusammenstehen und gemeinsam für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse kämpfen.», so Anita Ulrich weiter.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts organisierte sich in Höngg und Wipkingen die Arbeiterschaft im Grütliverein. So fand beispielsweise in der Seidenweberei auf der Werdinsel 1894 ein Frauenstreik statt. 1907 wurde in Wipkingen die Sozialdemokratische Partei gegründet. Im so genannten Winzerdorf und heute als bürgerlich bezeichneten Höngg fand die Parteigründung bereits 1904 oder 1906 (je nach Aktenlage) statt. Im Zusammenhang mit der zweiten Eingemeindung 1934, wurden die Kreisparteien der Stadt Zürich reorganisiert. Wipkingen, das damals zum Kreis 6 gehörte, wurde mit Höngg zum Kreis 10 fusioniert. Anfang 1933 wurde die SP Zürich 10 gegründet.

Lüchinger und Estermann: Vom Roten zum Rot-Grünen Zürich
Da sich die Geschichte der Kreissektion oft schwierig von der Geschichte der Stadtpartei trennen lässt, ist die Geschichte der SP Zürich 10 ein Stück weit auch die Geschichte der SP der Stadt Zürich. Sowohl in der Ära des Roten Zürich wie der bis heute andauernden des Rot-Grünen Zürich stellte die SP Zürich 10 einen Stadtpräsidenten: Der erste Präsident der SP Zürich 10, Adolf Lüchinger, wurde 1944 Nachfolger von Ernst Nobs, der als erster Sozialdemokrat im Dezember 1943 in den Bundesrat gewählt worden war. Lüchinger rettete bei seiner Wahl ein letztes Mal die absolute Sozialdemokratische Mehrheit im Stadtrat. Die Epoche wird als Rotes Zürich bezeichnet. Adolf Lüchinger verstarb 1949 im Amt und ist auf dem Friedhof Hönggerberg begraben. 1990 wurde mit Josef Estermann, der zuvor ebenfalls Sektionspräsident gewesen war und auch den Quartierverein Wipkingen präsidierte, als Nachfolger von Thomas Wagner (FdP) gewählt. Mit der Wahl Estermanns (zusammen mit Ursula Koch und Robert Neukomm) begann die bis heute dauernde Rot-Grüne Ära. Doch die SP Zürich 10 hatte freilich nicht nur Stadtpräsidenten: Adolf Lüchingers gleichnamiger Sohn amtierte als Bundesrichter, Alfred Affolter sass in den späten 80er-Jahren im Nationalrat. Von 1978-1983 war Emilie Lieberherr Ständerätin und von 1980 bis zu ihrem Ausschluss aus der SP auch Stadträtin.

vom Umgang mit Konflikten und Brüchen
Das Jubiläumsbuch ist kein Jubelbuch über die glorreiche Geschichte, sondern es wird auch auf Konflikte und Brüche zurückgeblickt: Der Streit um die 3. Kommunistische Internationale führte 1921 zur Parteispaltung, Sektionspräsident Paul Lienhard wurde 1941 bei seiner Kandidatur als Oberrichter vorgeworfen, dass seine Frau während Lienhards Dienstzeit die Parteizeitung «Volksrecht» abbestellt hatte. Ebenso schwer wog der Vorwurf, dass Lienhards Frau in der Migros eingekauft hatte. Nachdem Paul Lienhard nicht gewählt wurde, trat er von seinem Amt und kurze Zeit später aus der Partei aus. Mit Emilie Lieberherr hatte die SP Zürich 10 wohl ihr umstrittenstes Mitglied. Die Auseinandersetzungen Lieberherrs mit der SP führten 1990 zu ihrem Ausschluss aus der Partei, sie verblieb bis 1994 als Parteilose im Stadtrat. Für die Aufarbeitung der Sektionsgeschichte stand Emilie Lieberherr ihrer ehemaligen Sektion für ein Interview zur Verfügung. Entgegen der drei oben aufgeführten Beispiele verstand es die SP Zürich 10 in ihrer 100 jährigen Geschichte, die Konflikte so zu lösen, dass dadurch nicht die gesamte gemeinsame Basis erschüttert wurde.

ein Werk über die Grenzen der Parteigeschichte hinweg
Parteien sind fest in der Gesellschaft eingebunden. So blickt die SP 10 in ihrer Jubiläumsbroschüre denn auch über die Grenzen ihrer Parteigeschichte aus und blickt auf namhafte Institutionen im Stadtkreis, die zwar nicht auf Betreiben der SP 10 gegründet wurden aber oft mit ihrer Geschichte verbunden sind. Seit über 25-Jahren versammelt sich die SP 10 im Gemeinschaftszentrum Wipkingen. Und eine Chronik ohne die ETH Hönggerberg und das Waidspital wäre unvollständig.

Über die 100 Jahre Sektionsgeschichte wird deutlich, wie manche Themen immer wieder oder seit Jahren und Jahrzehnten die SP und Bevölkerung beschäftigen. Thematische Dauerbrenner sind der kommunale Wohnungsbau (aktuelles Beispiel der Ringling im Rütihof) oder die Westtangente und der Waidhaldetunnel. Befürwortete die SP in den 1960er-Jahren den Bau der Hardbrücke und hatte sogar von der Europabrücke her einen Tunnel durch den Kirchenhügel Höngg nach Oerlikon gefordert, setzt sich die SP 10 seit den 1970er-Jahren für den Rückbau der Westtangente und einen quartierverträglichen Verkehr ein.

75 Jahre SP Zürich 10, das bedeutet auch im Falle von alt-Bundesrichter Adolf Lüchinger über 60-Jahre persönlich gelebte Parteigeschichte. In persönlichen Gesprächen halten ehemalige Amtsträgerinnen und Amtsträger wie Alfred Affolter, Josef Estermann und Vroni Hendry Rückschau auf ihre Amtszeit. Porträts über bedeutende Parteimitglieder wie der Höngger Gemeinderat Martin Surber, der Höngger Fabrikarbeiterin Anna Klawa Morf runden die Geschichte ab.

das Wichtigste auf einen Blick:
Denken Reden Handeln.
Über 100 Jahre Sozialdemokratie in Höngg und Wipkingen und
75 Jahre SP Zürich 10

Redaktion: François G. Baer, Nicola Behrens, Monika Spring, Sandra Tinner, Yves Baer.



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denken reden handeln sp 10

Umfang 232 Seiten
Druck 2-farbig
Auflage: 800 Expl.,
Preis: Fr. 38.—
ISBN-978-3-033-01666-8





   

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