Aufbruch
24. Mai 2019
Ausgehend vom Zerbruch seiner langjährigen Bezieung, der Flucht danach und dem neuen Liebesglück mit zwei kleinen Kindern ist der Aufbruch von Büne Huber auf «Cut Up» überall zu spüren.
Bewertung: * * * * 1/2


Der letzte grosse Hit von Patent Ochsner war «Gummiboum», zumindest nach der Spontanreaktion der Leute, wenn sie erfahren, dass ein neues Album erscheint: «Hoffentlich nicht so ein Mist wie ‹Gummiboum›» heisst es dann oft. Die Definition von Mist ist relativ, ebenso die von Hit, die Single war 2012 für 4 Wochen in den Charts und erreichte Platz 55, immerhin kommt er den Leuten noch vor «W. Nuss vo Bümpliz» (1997/Rang 16/22 Wochen) in den Sinn. Auch kann «Gummiboum» nicht mit der ersten Single aus dem neuen Album «Cut Up», «Für immer uf di», mithalten, die Rang 2 erreichte und nach drei Monaten nun auf die Gummibaum-Position abgesunken ist, was bisher die beste Chartperformance einer Ochsner-Single ist.

Selbst dies ist relativ, denn Patent Ochsner sind keine Single- sondern eine Albumband. Und mit diesen hat Büne Huber ein Abo auf die Top 3 gelöst, das er mit «Cut Up» erneuern wird. Denn so musikalisch frisch hat Patent Ochsner seit langem nicht mehr auf einem Studioalbum gewirkt. Auf «Cut Up» hat es vom klebrigen, radiotauglichen Songmaterial, das den Ochsnersound die letzten anderthalb Jahrzehnte zu oft geprägt hat, noch Reste, beispielsweise «Für immer uf di», doch das verdirbt einem das Album nicht. Vielmehr gehören diese Songs wohl aufs Album, denn der Titel bezeichnet eine literarische Technik, die den Zufall und die Montage in die Literatur miteinbezieht und von den Autoren der Beat Generation angewendet wurde. Seit langem ist die Lautstärke-Balance zwischen Band und Büne Hubers Gesang wieder im Lot. Die Virtuosität der Band und der Arrangements ist ungebrochen hoch und erschliesst mit rückwärts mäandrierenden Gitarren und elektronischen Witzeleien neue, wohltuende Klangfarben im Ochsner-Universum. Auch Büne hat sich mit seiner Alter-Ego Figur Razzo Rocchino neue Gesangsmöglichkeiten erschlossen.

Auf «Cut Up» überwiegen die guten bis sehr guten Songs, «La Rose» hätte nahtlos auf eines der Alben der 90er-Jahre gepasst. Ein Wort noch zu den Texten: Endlich ist es Büne Huber gelungen, auf die schrägen Sprachbilder und verschwurbelten Formulierungen zu verzichten. Das einzige, was auf «Cut Up» fehlt, das sind Kindereien wie «Füdlifinger Fritz» und Witziges wie «Gummiboum», ein Verlust ist dies nicht.

patent ochsner 2019 cut up bandfoto
Stephan Eicher (vorne Mitte), Steffe la Cheffe (Dame hinten) und Traktorkestar.
Bild: ZVG





Tracklist:
Aloo!
Razzo Rocchino Prolog
Villajoyosa
Ohni Di
Hüenerhof
Für Immer Uf Di
Roquebrune (Eileen Intro)
Eileen Gray
Razzo Rocchino Halfway
Himu & Höll
Dr Zug (Fahrt Us Dr Stadt)
Zweieim
Das Viech
La Rose
Pfingerabderöschti
Kreis
Razzo Rocchino Epilog

 


Erschien am 24. Mai in der Augabe 5/2019.

 

 

 

 



Notenraster:
* Geld verschwendet
* * Eine EP hätts getan
* * * Okay
* * * * gutes Album
* * * * * we are pleased
* * * * * * Meisterwerk

© 2019 VzfB | Alle Rechte vorbehalten