Schreiende und rockende Sally
19. Juni 1964
«Long Tall Sally» ist eine der besten Gesangsleistungen Paul McCartneys und dokumentiert seinen Stil. In der Flut von Veröffentlichungen während der Beatlemania ging die EP bis 1988 fast vergessen, heute hat sie ihren festen Platz im Beatles-Katalog.
Bewertung: * * * * *


Links zu den einzelnen Kapiteln:

Studienvorlage zu Paul McCartneys Gesang
einer der frühsten Lennon/McCartney-Songs
Ringo Starrs fatale Halsschmerzen
die Versionen
Übersicht Veröffentlichungen
Rezeption und Wirkung


«Eine neue Veröffentlichung von John, Paul, George und Ringo ist mehr als eine Schallplatte… es ist ein nationales Ereignis». Mit diesen Worten beginnen Derek Taylors Liner Notes zur EP «Long Tall Sally», die im Juni 1964, auf dem Höhepunkt der Beatlemania veröffentlicht wurde und bereits drei Wochen nach ihrer Veröffentlichung in Vergessenheit geriet. Und dies nicht etwa, weil der Markt an Beatles-Produkten übersättigt war, sondern weil mit «A Hard Day’s Night» der erste Film und das gleichnamige neue Album mit vierzehn neuen Songs von John Lennon und Paul McCartney erschienen.

Als «Long Tall Sally» einen Tag nach Paul McCartneys 22. Geburtstag in England veröffentlicht wurde, war sie die erste EP, nach heutigem Verständnis eine Maxisingle, die bisher nur unveröffentlichte Songs enthielt. Unveröffentlicht, aber nicht ungehört, die drei Coverversionen «Long Tall Sally», «Matchbox» und «Slow Down» waren Teil des Liverepertoires der Beatles. Und der einzige Lennon/McCartney Song «I Call Your Name» haben die Beatles zunächst Billy J. Kramer & The Dakotas überlassen.

Studienvorlage zu Paul McCartneys Gesang
Als Klassiker bei Ihren Konzerten brauchten die Beatles genau einen Versuch, um «Long Tall Sally» live im Studio einzuspielen. Der Rock-Klassiker von Little Richard (1956) war bei den Konzerten Paul McCartneys Paradestück als Shouter. Unbestritten der bessere Sänger als John Lennon, ist dieser wohl der etwas bessere Shouter als Paul. In der Aufnahme ist die gesamte Energie, die die frühen Beatles live und im Studio gehabt haben müssen spür- und hörbar. Zugleich kommt McCartney Richards Original am nächsten. Der damals 22-jährige Paul McCartney war noch bei voller Stimme, so dass er zwar schreit, es aber nicht angestrengt wirkt. Fünf Jahre später, bei den Aufnahmen zu «Oh! Darling» musste sich Paul eine halbe Stunde lang einsingen. «Long Tall Sally» gehörte von den ersten Auftritten der Liverpooler Teenagerband The Quarryman 1957 bis zum letzten Konzert der weltweiten Superstars The Beatles 1966 zum festen Bestandteil der Konzerte von der Beatles und ihrer Vorgängerbands.

george harrison paul mccartney 1964
George Harrison und Paul McCartney alebern herum. Foto: beatlesbible.com


«Long Tall Sally» wurde am 1. März 1964 während den Sessions zu «A Hard Day’s Night» eingespielt und gilt als eine der besten Gesangsleistungen McCartneys. Beim Direktvergleich mit dem Original und der Beatlesversion wird einem bewusst, wie Paul als Teenager Little Richard verinnerlicht hat. Zudem enthält die Beatlesversion alle Elemente, von Pauls Uh-Rufen im Falsett über sein leichtes Kopfschütteln bei derselben Stelle bei Konzerten, die er bis heute in seiner Musik und im Gesangsstil beibehalten hat.

einer der frühsten Lennon/McCartney-Songs
«I Call Your Name» spielten die Beates ebenfalls am 1. März 1964 ein. Da der Song hauptsächlich aus der Feder John Lennons stammt, singt er auch die Leadvocals. Musikalisch ist die Verwandtschaft mit den damaligen Lennon-Songs «I Feel Fine», «I Should Have Known Better» und «I’ll Get You» erkennbar. Von all den genannten Songs ist er der direkteste Rocksong, der auf die damals noch oft urch John Lennon gespielte Mundharmonika verzichtete, aber auch ohne den fast schon typischen Harmoniegesang der Beates auskam. Unter diesem Standpunkt wirkte der Song wohl zu gewöhnlich, weshalb ihn die Beatles möglichwerweise Billy J. Kramer vermacht haben.

John Lennon hatte «I Call Your Name» grösstenteils zu Prä-Beatleszeiten in Liverpool geschrieben und 1962 beendet. Paul erinnert sich, mit John im Hause von Lennons Tante Mimi an der Menlove Avenue gearbeitet zu haben. In einem Interview bestätigte John: «Ich mag diesen Song. Ich schrieb ihn schon sehr früh, als ich in Liverpool war, und fügte das Mittelstück bei, als wir nach London kamen».

Für die Aufnahme am 1. März 1964 revidierten die Beatles nochmals die Middle-Eight, das Mittelstück wurde nun inspiriert durch den karibischen Blue Beat und einer frühen Form von Ska überarbeitet. Beide Musikformen waren Anfang der 1960er-Jahre durch karibische Einwanderer nach England gekommen. Sowohl John als auch Paul sollten später auf Reggae abfahren, Paul war 1971 mit den Wings die erste weisse Band, die mit «Love Is Strange» auf dem Album «Wild Life» einen Reggaesong einspielte. Man erkennt den neuen Mittelteil von «I Call Your Name» sofort durch den Wechsel anhand des Rhythmuswechsels, der Song wird scheinbar schneller, weil nun der zweite und vierte Schlag des Taktes anstatt wie bisher der erste und dritte betont werden, bevor dann gegen Ende wieder der gewohne Beat gespielt wird. Bereits anderthalb Jahre später sollten die Beatles die Taktwechsel innerhalb eines Songs wie in «We Can Work It Out» meisterhaft beherrschen.

Bei den Aufnahmen von «I Call Your Name» spielte George Harrison zum ersten Mal seine Rickenbacher 360/12 Gitarre, die dem sein härteres, beinahe Hard-Rock-Timbre verleiht, das ihn in eine Linie mit «Ticket To Ride» aus denselben Sessions stellt. In seinen Liner Notes fragt Derek Tayolor: «Wer sonst kreiert Musik wie diese?»

John Lennon und Paul McCartney gaben «I Call Your Name» 1963 Billy J. Kramer, der ebenfalls bei Parlophone unter Vertrag stand und von George Martin produziert wurde, weiter. Kramers Version wurde die B-Seite seiner Single «Bad To Me», einem weiteren Lennon/McCartney Song, dessen Demoversion und einzige Einspielung die Beatles erst 2013 in ihrer iTunes-LP «The 1963 Bootleg Recordings» erstmals veröffentlichten.

beatles paul mccartney 1964 abc theatre george harrison
Paul McCartney und George Harrison 1964 live im ABC Theatre.

Die B-Seite der EP wird von «Slow Down», einem Klavier getriebenen und von John Lennon gesungen Rock’n’Roll Song eröffnet. John zeigt seine Qualitäten als Rock’n’Roll Sänger, der singt, schreit und auch einmal wie ein Pferd wiehert. Das Original von Larry Williams war 1957 die B-Seite seiner Single «Dizzy Miss Lizzy», die die Beatles 1965 für das Album «Help!» einspielen sollen. «Slow Down» gehörte in den Anfangstagen der Beatles, von 1960 bis 1962 zum Liverepertoire der Band, danach spielte sie den Song erst wieder während den Sessions für das Album «A Hard Day’s Night». Derek Taylor spielt in seinen darauf an, dass die Beatles «Slow Down» regelmässig während ihren Auftritten im Liverpooler Cavern Club gespielt haben. Der Song gehört trotz aller Qualität wie «Bad Boy» zu den heute eher in Vergessenheit geratenen Cover Versionen der Beatles.

Ringo Starrs fatale Halsschmerzen
Der letzte Song hingegen, «Matchbox» von Carl Perkins (1957), ist eigentlich ein Klassiker der Fab Four. Alle vier, insbesondere George Harrison, liebten Perkins Musik. Während ihren Konzerten 1961/62 spielten die Beatles «Matchbox», ihr damaliger Schlagzeuger Pete Best sang jeweils. Was wohl der Grund dafür ist, dass später Ringo Starr sang. Aufgenommen wurde «Matchbox» am 1. Juni 1964, als Carl Perkins die Beatles in Abbey Road Studio 2 besuchte. Ringo Starr schämte sich bei den Aufnahmen für seine angeblich schlechte Gesangsleistung, er hatte Halsschmerzen. Zwei Tage später wurde er hospitalisiert, wegen einer Mandel- und Rachenentzündung verpasste er den Start der Welttour und wurde bei den ersten Konzerten durch Jimmy Nichol ersetzt. Am 13. Juni 1964 stiess Ringo in Melbourne wieder zu den Beatles.

Mit George Harrison und Paul McCartney war Carl Perkins befreundet. 1982 veröffentlichten Paul und Carl Perkins «My Old Friend» und auf Pauls «Tug Of War» das Duett «Get It». 1986 spielte Carl Perkins ein Album mit u.a. Eric Clapton, Ringo Starr und George Harrison ein, wo sie u.a. «Matchbox» neu einspielten. Eine Live-Version von «Matchbox» veröffentlichte Paul 1990 auf «Tripping The Live Fantastic», 2007 spielte er den Song bei seinem Konzert im Amobea Plattenladen, dessen Mitschnit 2019 als «Amobea Gig» erschien.

die Versionen
Bis Mitte der 1960er-Jahre verfolgten Capitol in den USA und Parlophone in den USA und England eine von einander unabhängige Veröffentlichungspolitik, die nicht nur im unterschiedlichen Albumformat (11 Songs USA 14 England) lag, die Amerikaner fluteten 1963/64 ihren Plattenmarkt beinahe monatlich mit neuen Beatlesalben und EPs. Deswegen wurde die EP «Long Tall Sally» in den USA einen Monat nach England veröffentlicht.

1964 the beatles ed sullivan show usa 1964
Die Beatles 1964 in der Ed Sullivan Show im US-Fernsehen.


«Long Tall Sally» erschien in den USA bereits vor der englischen EP-Veröffentlichung am 10. April auf der LP «The Beatles’ Second Album» und war in Kanada Titelsong des dortigen Albums «Long Tall Sally», das am 27. April 1964 erschien. Je nach Markt erhielt die EP in eigenes Cover. In der BRD wurde zusätzlich die Single «Long Tall Sally/I Call Your Name» und in den USA die Single «Matchbox/Slow Down» veröffentlicht.

Die Beatles spielten «Long Tall Sally» vier Mal bei der BBC. Zwischen 1994 und 2013 erschienen die vier Aufnahmen auf den «Live At The BBC»-Alben, der «Anthology 1» und «Bootlegs Recording 1963». Die 1964 im Hollywood Bowl aufgezeichnete Version ist auf den beiden Alben 1977 und 2016 erschienen. Die einzige Version mit Pete Best am Gesang erschien 1977 auf dem Album «Live At The Starclub 1962», das bis heute nicht offiziell dem Katalog zugeführt wurde.

1986 spielte Paul McCartney am Jubiläumskonzert für den Prince’s Trust, eine Stiftung zur Unterstützung benachteiligter Jugendlicher, die vom englischen Kronprinz Charles gegründet wurde. Das Benfizikonzert fand am 20. Juni 1986 statt in der Londoner Wembley Arena statt. Paul spielte «Long Tall Sally» u.a. mit Mark Knopfler, Elton John, Eric Clapton, Bryan Adams , Phil Collins und Tina Turner ein. Von dem Konzert wurde ein Album in schlechter Tonqualität veröffentlicht. Die Käufer erhielten gratis die Single «Long Tall Sally» dazu.

2002 veröffentlichte Paul «Matchbox» auf der DVD «Back In The U.S.» und als Promo-DVD-Single.

Übersicht Veröffentlichungen
Long Tall Sally; Studio Version:
1964: Long Tall Sally, EP
1964: Long Tall Sally US Single, u.a.
1964: The Beatles Second Album, Capitol Records l, USA
1964: Long Tall Sally, Kanada Album
1965: The Beatles Greatest, BRD Album
1965: The Beatles No. 5, Japan Album
1978: The Beatles Rarities (zurückgezogen 1988)
1988: Past Masters

Live Versionen:
1977: Live At The Star Club, Hamburg, Germany,1962
1977: The Beatles At The Hollywood Bowl (23. August 1964)
1994: The Beatles Live At The BBC (13. Juli 1963)
1995: Beatles Anthology 1 (19. April 1964, IBC Studio London)
2013: Bootleg Recordings 1963 (iTunes Album); (13. Mai 1963)
2013: The Beatles On Air – Live At The BBC Volume 2 (14. Juli 1964)
2016: The Beatles Live At The Hollywood Bowl (23. August 1964)

Paul McCartney et. al:
1987: The Prince’s Trust 10th Anniversary Concert 1986

Matchbox; Studio Version:

1964: Long Tall Sally EP
1964: Something New US Album
1964: Matchbox US Single
1978: The Beatles Rarities (zurückgezogen 1988)
1988: The Beatles Past Masters

Live Version:
1994: Beatles Live At The BBC

Paul McCartney; Liveaufnamen
 1990: Tripping The Live Fantastic
2019: Amoeba Gig

Konzertfilme:
2002: Back In The U.S. A Concert Film
2002: Back In The U.S. Promotion DVD Promo Single

Slow Down; Studio Version:
 1964: Long Tall Sally EP
1964: Something New, US Album, Capitol
1965: The Beatles No. 5, Japan Album
1978: The Beatles Rarities (zurückgezogen 1988)
1998: Past Masters

Live Version:
1994: Live At The BBC

I Call Your Name; Studio Version:
1964: Long Tall Sally EP
1965: The Beatles No. 5, Japan Album
1978: The Beatles Rarities (zurückgezogen 1988)
1988: Past Masters

Rezeption und Wirkung
«Die vier Jungs werden ihre strahlenden Namen mit dieser Platte erleuchen. Sie wird millionenfach weiltweit verkauft werden. Macht es in Gold oder tragt sie einfach aus», so beschliesst Derek Tylor seine Liner Notes. In England wurden damals die Charts zwischen Singles, EPs und Alben kategorisiert.

«Long Tall Sally» erreichte als EP die Spitze der EP-Charts, konnte sich aber auch in Singlecharts auf Rang 11 klassieren. Anfang 1965 waren 250 000 Exemplare verkauft, weltweit waren es über eine Million. Die Chartspitze erreichte die EP in Holland, in Norwegen notierte sie auf Platz 2, in Deutschland und Flandern (Belgien) kam sie auf den 7. Rang, im wallonischen Teil Belgiens war es noch der 30. Rang. In der Schweiz konnte sich die EP nicht klassieren.


1964 paul mccartney around the beatles
John Lennon, Ringo Starr, George Harrison und Paul McCartney (vlnr) in der TV-Sendung «Around The Beatles» 1964.




Tracklist:
Long Tall Sally
I Call You Name

Slow Down
Matchbox


EP und Single
aus der BRD, 1964:


Oben: Cover der deutschen EP. Unten das Cover der detuschen Single, mit dem Aufkleber: Ein neuer Triumph der Pilzköpfe aus Liverpool.


Tracklist:
Long Tall Sally

I Call Your Name


US-Single:
Tracklist:
Matchbox

Slow Down

Weitere Covers:

Les Beatles werden in Frankreich mit einem Côte d'Azur-Feeling vermarktet (oben), während in Dänemark das unbearbeitete Foto der deutschen Single verwendet wird (unten).



Kanadische LP
27. April 1964:



Tracklist:

I Want To Hold Your Hand
I Saw Her Standing There
You've Really Got A Hold On Me
Devil In Her Heart
Roll Over Beethoven
Misery

Long Tall Sally
I Call Your Name
Please Mr. Postman
This Boy
I'll Get You
You Can't Do That

Ausserhalb des offiziellen Beatles-Kanons veröffentlichtes Livealbum 1977:

The Beatles Live At Star Club In Hamburg, Germany, 1962
Matchbox
Long Tall Sally

Dies ist die einzige offizielle Veröffentlichung der Prä-Ringo-Starr-Ära mit Pete Best am Schlagzeug und bei Matchbox als Sänger.

Promotion 1987:

The Prince's Trust 10th Anniversary Concert:

Paul McCartney:
Long Tall Sally
I Saw Her Standing There

Eingespielt u.a. mit Brian Adams, Elton John, Eric Clapton, Mark Knopfler, Tina Turner.

Alben 2020:
Auf folgenden aktuell im Handel erhältichen CDs und digitalen Formaten finden sich u.a. die besprochenen Songs:

The Beatles:

1964: Something New (US Album)
Slow Down
Matchbox


1988: Past Masters
Long Tall Sally
I Call Your Name
Slow Down
Matchbox



1994: Live At The BBC
Long Tall Sally (BBC 1)
Matchbox
Slow Down



1995: Anthology 1
Long Tall Sally (BBC 2)



2013: Bootleg Recordings 1963 (iTunes only)
Long Tall Sally (BBC 2)



2013: On Air – Live At The BBC Volume 2
Long Talll Sally (BBC 3)



1977 & 2016: The Beates Live At The Hollywood Bowl: & Eight Days A Week -The Touring Years DVD:
Long Tall Sally



Paul McCartney:

1990: Tripping The Live Fantastic
Matchbox


2002: Back In The US.
Concert Film

Matchbox


2019: Amoeba Gig
Matchbox

 

 

 

 

 

 

 



Links:
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