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ein lehrreicher Prozess
ergreifender Abschied von Linda
Problemlösung à la Pop Musik
die Versionen
Rezeption und Statisik
«Bei einem Beatles-Song» hätte ich gewusst, was ich tun muss», rekapitulierte Paul McCartney sein anfängliches Scheitern mit «Ecce Cor Meum». Richtig gelesen: Scheitern. Und das kam so: In der St. Ignatius Loyola Kirche in New York gibt es eine Statue, unter der «Ecce Cor Meum» steht. Paul McCartney liess seinen Blick durch die Kirche schweifen und verharrte auf der Statue, während er auf seinen Einsatz bei einem Konzert mit Musik von John Taverner wartete. Als 12-jähriger Junge hatte er als Schüler des «Liverpool Institute High School for boys» drei Sprachen gelernt. Eine davon war Latein. Und so übersetzte er sich «Ecce Cor Meum» mit «Siehe mein Herz». McCartney verspürte in diesem Moment den Musenkuss und konnte nun mehr seine Gedanken, die bis anhin lose in seinem Geist herumgeschwirrt waren, fassen und entziffern.
Das alles spielte sich vor etwa acht Jahren ab, genaueres lässt sich der Ex-Beatle nicht entlocken, denn er habe mit dem Zählen der Jahre aufgehört, während denen er an «Ecce Cor Meum» arbeitete. Seinen Anfang nahm das Oratorium im Herbst 1997. Damals veröffentlichte Paul McCartney seine symphonische Dichtung «Standing Stone», ein Auftragswerk zum 100-Jahr-Jubiläum seiner Plattenfirma EMI Records.
Paul McCartney bei den Proben zu «Ecce Cor Meum».
Zur selben Zeit begann man sich im renommierten Magdalen’s College in Oxford mit den Feierlichkeiten zum 550. Jahrestag der Schulgründung auseinander zu setzten. Ausserdem stand die Einweihung einer neuen Konzerthalle an. Anthony Smith, der von 1998-2005 Präsident des Magdalen College war, hatte damals «Standing Stone» gehört und war begeistert. In der Folge schrieb er Paul McCartney einen Brief, worin er ihn anfragte, ob er nicht ein Chorwerk komponieren würde, das die Kinder in derselben Art singen können wie Händels «Messias».
ein lehrreicher Prozess
Wie diese Aufführung geklungen hat, lässt sich im Nachhinein nicht sagen, in den Presseunterlagen wird lediglich von einer stark überarbeiteten Fassung gesprochen, die nun am 29. September veröffentlicht wird. In seiner oft naiv oder arrogant wirkenden Art erzählt ein treuherzig blickender Paul McCartney von einem grossen Lernprozess, den er durchlaufen hat. Schon vor dem Konzert im Sheldonian Theatre hatte er eine Menge über Chormusik gelernt. Doch das sich angeeignete Wissen war offensichtlich zu wenig gewesen. «Während dieser Aufführung konnte der zweite Solodiskant nicht mehr gesungen werden. Ein erfahrener Komponist von Chormusik weiss, dass man Kindern keine langen unterstützenden Passagen geben darf, denn ihnen fehlt die Kraft und Ausdauer », erklärt Paul rückblickend. «Die damalige Version hatte viele solch schwieriger Passagen. Ein Umstand, dessen ich mir überhaupt nicht bewusst gewesen war, weil ich alles auf dem Synthesizer komponiert habe. Und der hat eine endlose Ausdauer.» Ein Lapsus, den Paul damit begründet, dass er musikalischer Autodidakt ist.
Doch als Perfektionist zog er das Stück zurück und überarbeitete in der Folge mehrmals, sofern er nicht gerade auf Tour war oder sein viel gelobtes Album «Chaos And Creation In The Backyard» (2005) eingespielte. Nach der Sheldonian-Aufführung war die Zeit der Soloarbeit am Synthesizer vorbei gewesen. Die Chorpassagen wurden mehrmals einem Orchester vorgelegt. «Wäre es ein Beatles-Song gewesen, hätte ich gewusst, wie ich ihn angehen musste, aber hier spielten wir in einer völlig anderen Liga», so McCartney weiter.

Die endgültige Fassung von «Ecce Cor Meum» wurde vom 13. bis 17. März in den Londoner Abbey Road Studios eingespielt. David Greenway dirigierte die Academy Of Saint Martin In The Fields, die Sopranistin Kate Royal wurde durch die beiden Oxforder Knabenchöre des Kings und Magdalen College unterstützt. Als Produzent zeichnete John Fraser verantwortlich, der schon McCartneys frühere klassische Arbeiten produziert hatte.
ergreifender Abschied von Linda
Einige seiner besten Songs hatte Paul McCartney für Linda geschrieben, und Linda diente ihm die ganzen 35 Jahre ihrer Beziehung als Muse, 1998 starb sie an Krebs. So war «Nova» ein Verzweiflungsschrei McCartneys nach ihrem Tod, worin er lamentiert: «Gott wo versteckst Du dich – ich bin hier und brauche Dich». «Nova» stammt aus dem 2000 erschienenen Zyklus «A Garland For Linda», bei welchem neun zeitgenössische englische Komponisten, darunter John Taverner und Ralph Vaughan Williams, für das Hilfswerk The Garland Charity instrumentale und chorale Stücke beisteuerten, die allesamt an das Leben Linda McCartneys als Fotografin, Musikerin, Tierschützerin, Unternehmerin und Mutter erinnern sollten.
«Da ich offiziell nicht weiss, was ich tue», erläutert McCartney augenzwinkernd auf seine Unkenntnis der Notenschrift anspielend, «kann ich mir alles erlauben.» Eine dieser so genannten Freiheiten ist das dreieinhalbminütige «Interlude (Lament)» zwischen dem zweiten und dritten Satz. Dieses Lamento ist das traurige Kernstück «Ecce Cor Meums». Paul McCartney komponierte es rund zwei Jahre nach Lindas Tod. «Ich schrieb hier meinen ganzen Schmerz von der Seele», erläutert er weiter. Und so erstaunt es nicht, dass für ihn ungewohnt düstere, schwere Akkorde die Basis für das über weite Strecken stechende Solo der Oboe legen. Der sonst so dominante Chor wird auf die Rolle des 24. Instrumentes im Orchester reduziert. Solist war David Theodore.

Paul und Linda McCartney 1989, fotografiert von Bill Bernstein. Postkarte von MPL Communications von 1990.
Wer von «Eleanor Rigby» und «She’s Leaving Home» ergriffen war, wird ob der Oboe das Augenwasser kriegen. «Für mich hat es etwas mystisches, dass ein instrumentales Stück einem bloss noch auf Tränen reduzieren kann», sinniert McCartney über die Wirkung seines Lamentos, das als zweieinhalbter Satz das Oratorium in ein Vorher und Nachher einteilt. Nach der Dunkelheit des Interludes erscheinen einem Kate Royals Sopran und die reinen Knabenstimmen wie die Sonne nach einem sommerlichen Hagelsturm.
Problemlösung à la Popmusik
Die zweite Freiheit, die er sich als «offiziell Unwissender» herausnahm, war die Lösung des Problems der Orgel. In den Passagen, in denen die Orgel nur begleitenden Charakter hat, begnügte sich McCartney mit dem Instrument aus dem Abbey Road Studio 1. Doch für das Orgelsolo wollte er die volle Klangfülle einer Kirchenorgel verwenden. Und so stand man im März vor der Frage, wie man im Studio den satten Klang einer Kirchenorgel reproduzieren könne, ohne die Sessions in eine Kathedrale zu verlegen. Die Lösung fand sich im Overdubbing, ein in der Popmusik übliches Verfahren. Der im Studio anwesende Organist Colm Carey spielte sonst im Londoner Tower. Weshalb man das Orgelsolo in der normannischen Kirche des Towers aufgenommen hatte und es beim Abmischen des fertigen Oratoriums in die Aufnahme einkopierte.

Alles im Blick, wie das Orchester seine Ideen umsetzt, Paul McCartney im Abbey Road Studio 1.
Im Gegensatz zum oft teigigen «Standing Stone» hat sich Paul McCartney wieder auf seine Stärke als Melodienschmied konzentriert. Zu Beginn mag zwar «Ecce Cor Meum» wie eine Fortsetzung des leichtfüssigen «Liverpool Oratorios» von 1991 klingen, obwohl McCartneys kompositorischen Fortschritte hörbar sind. Im Unterschied zu den beiden Vorgängerwerken aus den 90er-Jahren wusste er nun aber, was er schreiben wollte. So brachte ihn denn auch die Verarbeitung von Lindas Tod nicht aus dem Konzept. Das Lamento und die musikalische Verarbeitung von Tod und Trauer lässt «Ecce Cor Meum» nicht nur zum bisher reifsten klassischen Werk McCartneys werden, sondern bildet darüber hinaus einen Höhepunkt in seinem Katalog.
die Versionen
Die Uraufführung von «Ecce Cor Meum» fand am 3. November, gut anderthalb Monate nach der Veröffentlichung des Werkes auf CD und 5 Jahre nach der misslungenen Aufführung im Magdalen College in der Royal Albert Hall in London statt. Die Besetzung war dieselbe wie auf dem Album, Kate Royal war die Sopran-Solistin, die Academy Of Saint Martin In The Fields das Orchester. Dirigent war Gavin Greenaway. Die US-Premiere war am 14. November in der Carnegie Hall in New York.
Bei beiden Aufführungen wurde zuvor die «Ghost Suite» aufgeführt, Kammermusik-Versionen im Stil der «Working Classical» Versionen von Pauls Songs und einigen kurzen klassischen Stücken. Das Stück «Ghost Suite» ist bis heute unveröffentlicht.
Am 19. September (eine Woche früher als auf paulmccartney.com angegeben), kam «Ecce Cor Meum» in den Handel, zumindest in Zürich. Die Liner Notes im 24-seitigen Booklet verfasste Peter Quantrill. Das Vorwort verfasste Paul McCartney. Die CD erschien in einem weissen Jewel Case und hatte ein dunkelblaues Label, indem auch das Monogramm von «Ecce Cor Meum» war. Gleichzeitig erschien eine Deluxe Version in einem gebundenen Buch mit edlem Umschlagpapier und Folie für Monogramm und Titel. Das Booklet umfasst 28 Seiten und hat denselben Inhalt. Mit mehr Fotos.
Als 2007 Paul seine Musik für den iTunes Store freigab, war auch «Ecce Cor Meum» als Download-Album erhältlich. Heute ist das Album über die üblichen Streamingdienste wie Spotify hörbar.

Inserat für die Premiere von «Ecce Cor Meum» in der Royal Albert Hall in London.
Foto: paulmccartney.com
Auch die in einer Kartonhülle veröffentlichte Promo-CD, die den Satz «Gratia» enthält, wurde das Monogramm verwendet, gestickt von der Royal School Of Needlework. Das Key Visual von «Ecce Cor Meum» ein Monogramm ist, kann Zufall sein. Nachdem Paul McCartney 1997 zum Ritter geschlagen wurde, erhielt er auch ein eigenes Wappen, das neben einem Ritterhelm und einer Gitarre offenbar seinen Wahlspruch «Ecce Cor Meum» enthält.
Am 4. Februar 2008 erschien die DVD «Ecce Cor Meum» mit der Uraufführung in der Royal Albert Hall in London. Darüber hinaus enthält die DVD eine 50-minütige, sehenswerte Dokumentation,über die Entstehung des Oratoriums und wirft einen Blick hinter die Kulissen der Aufnahmen und Uraufführung von einem von Pauls komplexesten und persönlichsten Werken, worin er offen über seine Probleme als Autodidakt und des Notenlesens Unkundiger spricht. Regie führte Jason Shepperd.
Rezeption und Statistik
Wie bei allen klassischen Kompositionen von Paul McCartney tut sich die klassische Fachwelt schwer mit seinen Efforts. So schreibt David Gutman im Gramophone: «Das Ergebnis ist ein knarrender viktorianischer Vierteiler (mit Zwischenspiel), der sowohl kurzatmig als auch verstopft ist und beunruhigend von einer Episode zur nächsten in Grautönen springt.» Bernard Holland doppelte in der New York Times über die US-Premiere von «Ecce Cor Meum» nach: «Im ‹Messias›-Land befindet er sich jedoch auf fremdem Terrain (…) Der Komponist von ‹Ecce Cor Meum› kann sich glücklich schätzen, dass seine populären Lieder durch ihre Leichtigkeit alles Seufzen und Zähneknirschen beispielsweise der deutschen Oper des späten 20. Jahrhunderts überwiegen.» Die deutsche Antwort liess nicht lange auf sich warten: Wencke Nottmeyer hielt in Kultura Extra fest: «Dieses Album ist vor allem empfehlenswert für Interessenten einfacher und dennoch festlicher Chormusik.»
Die elitären Klassik-Zirkel dürften sich bei den Brit-Awards 2007 doppelt und dreifach verwundert die Augen gerieben haben.: «Ecce Cor Meum» gewann in der Sparte Best Album. Den zweiten Rang erreichte Sting mit seinen «Songs From The Labyrinth», wo er englische Renaissance Musik von John Dowland zusammen mit Edin Karamazov auf der Laute einspielte und hierfür an der Scuola Antica Catorum in Basel Gesangsunterricht nahm. Die beiden älteren Rockstars wurden vom Publikum gekürkt: von den Lesern des Classic FM Magazins und den Hörern von Classic FM.
In den UK Klassik-Charts erreichte «Ecce Cor Meum» den ersten Platz, in den amerikanischen Klassik-Chars Rang 2. In Frankreich wurde es in der regulären Hitparade geführt und kam auf Platz 90. In der Schweiz konnte sich das Album nicht klassieren.

Paul McCartney bei der Uraufführung von «Ecce Cor Meum».