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Tom Doyle interviewte Paul McCartney im Mai 2006 zum 20-Jahr-Jubiläum des Musikmagazins Q, Paul äusserte sich unerwartet offen, das Interview fand zwei Tage vor Bekanntmachung der Trennung McCartneys von seiner zweiten Frau Heather Mills statt. Im November 2007 interviewte Doyle McCarteny erneut, ihn interessierte, wie Paul die Zeit nach den Beatles und mit den Wings reflektierte. Aus mehreren Gesprächen entstand das 2013 erschienene Buch «Man On The Run. Paul McCartney in the 1970s», das zu einem Standardwerk wurde, weil er darin offen und selbstkritisch ist. Doch Doyle warnt: «Als erfahrener Interviewpartner beherrscht er die Kunst, viel zu reden und dabei wenig preiszugeben.» Nun veröffentlicht Ende Februar Morgan Neville bei Amazon die Dokumentation «Paul McCartney: Man On The Run».
In seinem Film folgt Neville Tom Doyles Buch und beginnt im Herbst 1969 als John Lennon die Beates verliess und die Band auseinanderbrach und mit der Familiengründung mit Linda, zeichnet McCartneys Neuorientierung und die Gründung der Band Wings nach, inszeniert die Welttour von 1975/76 als Höhepunkt und dokumentiert das langsame Ende der Band mit McCartneys Verhaftung in Tokyo 1980, als er Cannabis im Koffer schmuggelte, sowie der Ermordung von John Lennon.
Spagat zwischen Ruhm und Familie
Über dem Film steht die Frage: «Was passiert, wenn du am Morgen nach dem Ausstieg aus der bedeutendsten Rockband aller Zeiten aufwachst?» So erzählt Paul, dass er damals an einer Depression litt und es seine Familie war, die ihn herausholte. So liegt ein Fokus auf den turbulenten Jahren 1970-1973, mit juristischen Auseinandersetzungen und den ersten Flugversuchen der Wings mit Konzerttourneen, bei denen sich Paul weigerte, Beatles-Songs zu singen und mit durch den die britischen Radiostationen boykottierten Singles «Give Ireland Back To The Irish» und «Hi Hi Hi».

McCartney pendelte zwischen London und seiner Farm in Schottland, besang das Landleben und schrieb Kinderlieder, etwas, was 1972 für einen Rockstar undenkbar war. Paul lässt durchblicken, wie sehr es ihm zu schaffen machte, dass die Kritiker ihm die Schuld an der Trennung der Beatles gaben und ihn mit unfassbar harschen Rezensionen abkanzelten. Dank treuer Fanbasis erreichten seine Veröffentlichungen dennoch die Chartspitzen. Die musikalische Erfolgsformel fand er Ende 1973 mit dem Album «Band On The Run», wieder
McCartney suchte Normalität mit der Familie, abseits des hippen Londons und dem Musikbusiness. Doch wie normal ist es, mitsamt Kindern und den Hunden sowie der Band in zwei Doppeldeckerbussen durch Europa zu touren? Das war 1972, als die Wings auch in Zürich und Montreux spielten. McCartneys Kinder waren 1975/76 Teil des Tourtross rund um die Welt (mit Nanny und Privatunterricht). Erst Lindas erneute Schwangerschaft, als die Band endlich Flughöhe erreicht hatte, erdete die Familie McCartney wieder – und leitete den Sinkflug ein der Band ein.
Das Wings-Revival
Neben bekannten Aufnahmen konnte Morgan Neville ungesehene Fotos und Filme aus McCartneys Privatarchiv verwenden. Paul führt als Erzähler durch den Film, ergänzt mit zeitgenössischen Aussagen und neuen Interviews mit Pauls Familie, den Bandmitgliedern oder Weggefährten wie Chrissie Hynde oder Mick Jagger, die durchaus Pauls Erinnerung konterkarieren. Seit zwei Jahren veranstaltet McCartney ein Wings-Revival mit Archiv-Veröffentlichungen wie «One Hand Clapping», einem Oral-History-Buch und nun mit der Dokumentation. «Man On The Run» wurde Mitte Februar in ausgewählten Kinos, in der Schweiz im KinoKoni in Zürich, Olten und Genf, gezeigt und erscheint am 27. Februar bei Amazon. Das dazugehörige Soundtrackalbum enthält den unveröffentlichten Song: «Arrow Through Me (Raw Mix)».
Was noch fehlt
Gegen Ende von «Man On The Run» erzählt Paul, dass er und John Lennon sich versöhnt hatten. Der Film erwähnt aber nicht, dass McCartney sich noch 15 weitere Jahre an den Beatles-Geistern abarbeiten würde. Dies wäre der Stoff einer weiteren Dokumentation über die 80er- und 90er Jahre, die beleuchtet, wie Lennon nach seiner Ermordung auf Kosten McCartneys verklärt wurde, McCarntey als Solomusiker ohne feste Band weitermachte und erst mit der Beatles-«Anthology» sich mit seiner Vergangenheit versöhnen konnte und zur musikalischen Unbeschwertheit der jungen Jahre zurückfand.
Rezeption und Wirkung
Das Spill Magazine verlieh fünf Sterne und bezeichnet das Album unter Berücksichtigung, dass sich eine Dekade nicht in eine Dreiviertelstunde pressen lasse, als Perfektion.
In der ersten Woche nach Erscheinen klassierte sich «Man On The Run» auf Platz 1 der UK-Soundtrack Charts, Rang 3 in den japanischen Rockalbum Charts und Platz 7 in der schottischen Hitparade. Schweden meldete Platz 16, Österreich Platz 18, Deutschland Platz 19. In den UK-Album Charts gab es Rang 35, in den japanischen Top-Charts Rang 36, in Holland Rang 38 und in den japanischen Album-Charts Platz 39.

Cover der Single
«Mull Of Kintyre» mit dem Kerntrio der Wings: Linda und Paul McCartney sowie Denny Laine.
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Tracklist:
Silly Love Songs (Demo)
That Would Be Something
Long Haired Lady
Too Many People
Big Barn Bed
Gotta Sing Gotta Dance
Live And Let Die (live, Rockshow)
Band On The Run
Arrow Through Me (Rough Mix)
Mull Of Kintyre
Coming Up
Let Me Roll It
Tom Doyles Buch:

Tom Doyle
Man On The Run.
Paul McCartney In The 1970s
2014; Birling Verlag
304 Seiten, Paperback
ISBN: 978-1-84697-292-8
Filmplakat 2026:
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