eine kleine Filmmusik
18. November 1985
Der Titelsong der Spionagekomödie «Spies Like Us» ist ein Rocksong im 80er-Jahre Gewand. Die Single-B-Seite «My Carnival» ist eine Trouvaille aus den Wings-Tagen.
Bewertung: * * * * *


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neuer, zeitgemässer Sound
das Video
«My Carnival», ein Wings-Schatz als B-Seite
die Versionen
Rezeption und Statistik



Bei den Abbey Road Studios fahren u.a. Prinz Charles und Sherlock Holmes vor. Im Studio entledigen sie sich ihrer Masken, Dan Aykroyd, Chevy Chase und Paul McCartney kommen darunter zum Vorschein. So beginnt der von John Landis gedrehte Videoclip zur Single «Spies Like Us». Sie ist der Titelsong zu Landis gleichnamiger Agentenkomödie, in der Dan Aykroyd und Chevy Chase zwei inkompetente Spione spielen, die für die CIA in Pakistan eine Mission erfüllen sollen. In der letzten Strophe nimmt Paul auf diesen Plot Bezug: «We get there by hook or by crook / We don't do a thing by the book / Never needed special clothes / How we did it no one know / I guess we must have had what it took.»

Für «Spies Like Us» unterbrach Paul die Arbeiten an seinem Album «Press To Play», das im Folgejahr erscheinen wird. «Das gute daran war, dass sie den Song am liebsten schon gestern hätten haben wollen. Es war eine plötzliche Herausforderung, die zwischen die Aufnahmearbeiten geschoben wurde», erzählt Paul.

neuer, zeitgemässer Sound
Nach dem kommerziellen Flop des Filmes «Give My Regards To Broad Street» (1984) und den lauwarmen Reaktionen auf das Soundtrackalbum tastete sich McCartney an Klang der 80er-Jahre mit ihren Synthesizern und dem in den Vordergrund gemischten Schlagzeug heran. Für das entstehende Album «Press To Play» engagierte Paul Hugh Padgham als Produzenten. Dessen mit Phil Collins entwickelte gated reverb Sound, bei dem das Schlagzeug zum dominierenden Instrument wird, prägte den Klang der 80er-Jahre.

mccartney spies like us 1985 screenshot
Paul im Video zu «Spies Like Us». – Foto: Screenshot


Neben Hugh Padgham spielte Paul 1984/1985 aber auch einige Songs mit Phil Ramone ein. Mit Ramone als Produzenten hatten Paul und Linda McCartney im Herbst 1970 die Aufnahmen zu «RAM» begonnen. Bei «Spies Like Us» wirkte neben Paul und Padgham Phil Ramone als Co-Produzent mit. Die Single ist die erste Hörprobe eines damals moderner und wieder zeitgenössischer klingenden McCartneys, der mit jungen, erfolgreichen Produzenten arbeitet. Ein Rezept, das er seither oft verfolgt.

In der vierten «Oobu Joobu»-Sendung spielte Paul 1995 das Demo von «Spies Like Us», das bereits das markante Schlagzeug enthält, doch anstelle der Rockgitarre ist ein Reggae-Klavier zu hören. Trotz der modernen Produktionsweise ist «Spies Like Us» schlussendlich ein Uptempo Gitarren-Rocksong geworden, dem man das Produktionsjahrzehnt anhört, der aber gut reift. Es war auch Phil Ramone, der dem Song das breitere und lautere Klangspektrum mit der Rock’n’Roll Gitarre verschaffte. «Ich dachte mir, das tu ich doch die ganze Zeit über», so Paul in einem Interview, «doch ich vergass, dass dies nich meinem Image entspricht. Die Leute erwarten von mir eine Art Ballade für ‹Spies›.»

Aufgenommen wurde «Spies Like Us» im September 1985 an vier Tagen in Pauls neuem, eigenen Studio Hog Hill Mill in Sussex. Bis auf den von Eddie Rayner gespielten Synthesizer spielte Paul alle Instrumente selber. Die Backvocals sangen Paul und Linda McCartney, Eric Stewart, Ruby James und Kate Robbins. Am besten gefiel allen Mitwirkenden Pauls Schlagzeug-Beat. Zudem zeigt Paul in der Coda, dass er guter Rock-Leadgitarrist wäre, wenn er mehr auf Soli setzen würde. Beim Abspann des Kinofilms wurde zunächst die Coda gespielt, bevor der eigentliche Song begann.

das Video
Das Video wurde am 9. Oktober 1985 in den Abbey Road Studios gedreht. Die BBC strahlte es aus rechtlichen Gründen nicht aus. Gemäss dem damaligen britischen Arbeitsgesetz war es Nicht-Musikern verboten, in Videoclips mitzuwirken. Neben Sequenzen aus dem Spielfilm sind Chevy Chase und Dan Aykroyd zu sehen, wie sie Gitarre und Keyboard spielen und mit Paul eine Menge Spass im Studio haben. Beide sind auch professionelle Musiker.

mccartney chase aykroyd spies like us video screenshot 1985
Abbey Road anno 1985 ist zugleich das parodierte «Band On The Run» Cover. – Screenshot aus dem Videoclip zu «Spies Like Us».


Die Schlussszene spielt scherzhaft auf Pauls Vergangenheit an und parodiert zugleich das Cover von «Abbey Road» und «Band On The Run». «Als ich zuerst davon hörte, dachte ich, dass die Leute ‹Skarileg!› rufen würden. Aber dann sagte ich mir: ‹Ich liebe die Beatles, was soll daran falsch sein?›» erzählt Paul. Und zu John Landis sagte er: «Okay, wenn du vorhast, eine Parodie auf das Albumcover zu machen, müsstet du noch ein paar kleine Insiderjokes reinbringen.»

Als Reminiszenz an «Abbey Road» überquert nun das Trio den Zebrastreifen, Dan Aykroyd geht barfuss und im Hintergrund sieht man einen weissen VW Käfer mit der Kennzeichen 28 IF stehen, der 1969 ein Teil der Paul-ist-tot-Gerüchte befeuert hatte. Das Setting in der Nacht, das plötzlich aufflammende Scheinwerferlicht und die erschrockenen Gesichter von Paul, Chevy und Dan ist die Reminiszenz an «Band On The Run». 1993 sollte Paul mit «Paul Is Live» nochmals Bezug auf das «Abbey Road» Cover nehmen, worauf er mit einem Hund den Zebrastreifen überquert. 2018, bei der Promotion zu «Egypt Station» überquerte er den Streifen nochmals.

Das Video von «Spies Like Us » findet sich auf der 2007 erschienenen Videokollektion «The McCartney Years».

«My Carnival», ein Wings-Schatz als B-Seite
Zumindest in der vor iTunes-Ära war jeder Käufer einer Single gespannt, was sich auf der B-Seite befand. Mit «My Carnival» verwendete Paul einen unveröffentlichten Song aus den Wings-Zeiten und wird auf dem Cover mit performed by Paul McCartney & Wings ausgewiesen. Aufgenommen wurde «My Carnival» im Januar 1975 während den New Orleans Sessions zu «Venus And Mars». Der Song klingt nach swingender Session und Party, die Lyrics unterstreichen dies: «It’s my carnival/It’s a lovely day/with all you people getting ready to play/I wanna hear you say/ come on down this is my carnival». Neben den Wings spielen George Porter, Benny Spellman und The Meters mit. Der auf der Bonus CD der «Archive Collection» Wiederveröffentlichung von «Venus And Mars» (2014) enthaltene «Going To New Orleans (My Carnival)», dass «My Carnival» eine Weiterentwicklung daraus ist.

die Versionen
«Spies Like Us» erschien als 7" Single und 12" Maxi. Auf der Maxi fanden sich vier Remixes, drei von «Spies Like Us» und einer von «My Carnival». Der «Party Mix» wurde von John Potoker abgemischt und enthält Dialogstücke aus dem Film. Der «Alternative Mix (Known To His Friends As Tom)» wurde von der englischen Synthpop-Gruppe Art Of Noise remixed. Die B-Seite wurde mit der auf 3.56 Minuten gekürzten DJ-Version eröffnet. Gary Langan remixte «My Carnival» zum «Party Mix». In England erschien zudem eine 12" Picture Disc mit den Songs von der Maxisingle und eine Shape-Picture-Disc mit den 7" Originalversionen der beiden Songs. Das Coverfoto hat Linda McCartney aufgenommen, die anderen Bilder stammen von David Morse.

«My Carnival» hätte zunächst Anfang der 80er-Jahre auf dem nie veröffentlichten «Hot Hitz Kold Kutz» Album veröffentlicht werden. Nach der Veröffentlichung als Single-B-Seite erschien der Song 1987 als Bonus Track auf der CD-Version von «Venus And Mars», fehlte aber 2007 bei der digitalen Veröffentlichung im iTunes Store. Bei der Wiederveröffentlichung von «Venus And Mars» im Rahmen der Archive Collection 2014 ist neben der Singleversion noch eine frühe Fassung von 1974 («Going Down To New Orleans») und ein Video der Aufnahme des Songs erhältlich.



«Spies Like Us» erschien nur auf als Single und Maxi und war nicht auf dem Filmsoundtrack von 1985. 1993 wurde die Singleversin als Bonus Track zur Wiederveröffentlichung von «Press To Play» im Rahmen der Paul McCartney Collection erstmals auf CD veröffentlicht und war 2007 zunächst auch bei der digitalen Veröffentlichung enthalten. Durch den Wechsel McCartneys zu StarCon/Universal wurde 2010 «Press To Play» auf ursprüngliche Vinylveröffentlichung mit nur zehn (gegenüber 13 der CD Erstveröffentlichung von 1986 und 15 auf dem Remaster von 1993) reduziert. Somit ist «Spies Like Us» zurzeit nur als Secondhand Vinyl erhältlich.

Rezeption und Statistik
«Spies Like Us» war die 100. Single von Paul McCartney, die sich in den amerikanischen Billboard Charts platzieren konnte. Sie erreichte dort Platz 7, in den Mainstream Rock-Charts Rang 31. In den Jahresend-Charts 1986 resultierte ein 92. Rang (Billboard). Es war bis 2015 und «FourFive Seconds» mit Rihanna und Kanye West die letzte Single McCartneys in den amerikanischen Top 10. Dieser Unterbruch von über 29 Jahren brachte Paul einen weiteren Eintrag im Guiness Buch der Rekorde ein, dieses Mal mit der längsten Pause in den Billboard Single Charts.

In England erreichte die Single Rang 13, die Maxi Platz 20 (New Musical Express). In Belgien erreichte die Single Rang 26. Sie konnte sich sonst weder in Deutschland, Japan noch der Schweiz platzieren.

paul mccartney 1984
Paul McCartney, gesehen nach einem Interview im Herbst 1984 in Los Angeles.


mccartney spies like us single cover 1985

Tracklist
Spies Like Us
My Carnival

Maxi Single:

mccartney spies like us maxi single cover 1985

Tracklist
Spies Like Us (Party Mix)
Spies Like Us (Alternative Mix – Known To His Friend As Tom)

Spies Like Us (DJ Mix)
My Carnival (Party Mix)

Limited Editions 1985:
Die Tracks sind identisch mit den üblichen Versionen. Nachfolgend sind die Vorder- und Rückseite abgebildet.

12" Picture Disc

mccartney spies like us 1985 maxi picture front
mccartney 1985 spies like us maxi picture backside


7" Shape Picture Disc


mccartney spies like us single shape 1985

mccartney single shape backside 1985 spies like us


Backcovers
mccarney single back cover spies like us 1985

spies like us mccartney 1985 backcover maxi
Backcover der Single (oben) und der Maxisingle (unten).

Werbung 1985:
mccartney 1985 spies like us promo single usa
Die 12 Zoll grosse US-Radio-Promosingle mit dem DJ Mix auf beiden Seiten hat heute einen Sammlerwert von 20£.


Inserat aus dem Billboard Magazin, Oktober 1985.



 

 

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