Treffpunkt ist am relativen frühen Morgen beim Manessebrunnen, mit der Kirchgemeinde Grossmünster fahren wir los auf Martin Luthers Spuren. Simon, unser Chauffeur, wählt nicht die direkte Route nach Frankfurt, das Navi sagt ihm Stau in der Region Basel voraus. Mit seinem Chauffeur soll man sich nicht streiten, so fahren wir über Winterthur und Schaffhausen nach Karlsruhe, was weiter, aber schneller sein soll. In Speyer wird der erste Mittagshalt sein. Dies ist das erste Wiedersehen an diesem Tag. Vor 18 Jahren bauten Vater und ich in der Pfälzischen Landesbibliothek die Ausstellung «Die Welt der Schweizer Bilderchroniken» auf. Es war das letzte Mal, dass diese Ausstellung gezeigt wurde. Ich erinnere mich an eine liebliche Stadt am Rhein, an nette Leute, an das Spanferkel und das Gespräch mit Vater über über Helmut Kohl, der aus der Gegend kam, und dass Vater in der Bibliothekskantine mangels Alternativen das Tagesmenü mit Linsen nahm, obwohl er sie gar nicht mag. «Erzähl Deiner Mutter nichts davon», meinte er damals. Habe Wort gehalten.

Die Altstadt von Speyer mit dem Stadtmuseum und einer Ausstellung über Richard Löwenherz.
Vor allem aber denke ich an die Grösse des Domes zu Speyer. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, dass romanische Kirchen klein und gotische gross wären, dabei stimmt nicht einmal die Charakterisierung, dass romanische Kirchen gedungen und gotische himmelstrebend sind. Vater und ich picknicken heute im Windschatten und geniessen die Parkanlage am Rhein, mit dem Blick auf den Dom, der mir immer noch sehr gross vorkommt. Danach besichtigen die Altstadt und versuchen uns zu erinnern, was sich seit dem Jahr 2000 verändert hat. Wir wissen es nicht.
Nach einer Führung durch den Dom und einer geistigen Verneigung vor Rudolf von Habsburg, dem wohl einzig positiv konnotierten Habsburger in der Schweiz, fahren wir weiter. Wir lassen Heidelberg rechts und Mannheim links von der Autobahn liegen. Frankfurt umfahren wir in grossem Bogen, geniessen die Silhouette der Metropole von weitem und erinnern uns an die Buchmesse 2006, als wir zufällig eine Medienkonferenz mit Günther Grass erlebten. Zweites Wiedersehen des Tages, wenn auch von Ferne.

Der Dom zu Speyer.
Schon am Vormittag, aber auch jetzt, fallen mir die vielen Lastwagen mit Anhänger auf: gewöhnliche Spediteure, Tanklaster, immer mal wieder Autolaster, aber auch Personenwagen mit Anhänger, einer zieht ein Boot, ein Gewerbetreibender einen kleinen Anhänger mit Persenning und ein Bauunternehmer transportiert einen kleinen Bagger. Das aussergewöhnlichste Gespann bildet sicher der blaue VW Passat, der eine Kutsche auf einem Anhänger transportiert. Ja, ich fahre gerne über Land, ob mit der Bahn, im Auto oder im Car. Der Bus hat den Vorteil, dass er ruhig fährt, aber die Lastwagen überholen kann. Ich kann stundenlang, so wie heute, am Fenster sitzen und die Landschaft vor mir vorbeiziehen lassen. Gerade das Fahren im Reisebus hat einen meditativen Charakter, da er mit Tempo 100 nicht zu schnell unterwegs ist.
Irgendwo auf der Autobahn auf einer kleinen Anhöhe, steht am Strassenrand ein braunes Schild mit dem Namen Nadelöhr, was für Erheiturung sorgt. Wie heisst es doch gleich, eher fährt ein Reisebus einer Kirchgemeinde über das Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt? Fahrt durch das liebliche Werratal, der Osten nähert sich.
Auf einmal erregt rechter Hand ein weisser Tafelberg Aufsehen. Es ist der Monte Kali, im Volksmund Kalimandscharo genannt, er überragt die umliegenden Hügel um 200 Meter. Der Abbau von Kali beiderseits der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze war und ist auch heute noch ein Umweltproblem. Und doch ist der Kalimandscharo, der an einen flachgedrückten Mont Ventoux erinnert, ein Tourismusziel. Am Monte Kali kann man Klettern. Die Landschaft wird waldig, der Thüringer begrüsst uns. Die ehemalige Grenze ist kaum mehr feststellbar, wird aber mit Tafeln an der Autobahn gewürdigt.

Der Kalimandscharo im sonst lieblichen Werrtal.
Um zwanzig nach vier erreichen wir, eine Dreiviertelstunde zu früh, Eisenach. Es ist das zweite Wiedersehen an diesem Tage, dieses Mal nach zwölf Jahren. Wie gesagt, sollte man dem Chauffeur nicht widersprechen, selbst wenn dieser seinem Navi folgt und man selber Ortskenntnis hat. Und so kommt es wie es kommen muss, meinend, den kürzesten Weg zu fahren, ist der Hainweg bloss eine enge Quartierstrase mit parkierten Autos auf beiden Seiten. Schliesslich stecken wir fest. Aber nicht weil es zu eng ist, ein Busch streckt seine hölzernen Äste in die Strasse, ohne den Car zu zerkratzen ist an Weiterfahren nicht zu denken. Zurückfahren kann Simon nicht, an Wenden ist schon gar nicht zu denken. Sachte, ganz sachte, versucht er zunächst weiterzufahren, doch es geht nicht. An den Fenstern stehen bereits neugierige Nachbarn. Kurzerhand und zum Amüsement unserer Reisegruppe steigt Simon aus und nimmt wie echter Eidgenosse ein Schweizer Offiziersmesser aus seiner Hose und beginnt die störenden Äste abzusägen. Männiglich rechnet damit, dass gleich die Polizei kommen wird. Doch nichts geschieht. Nach ein paar Minuten können wir weiterfahren bis wir wieder auf Kurs sind.
Doch dieser ist nicht besser als vorhin. Unser Hotel mag schön gelegen sein, unterhalb und vis-à-vis der Wartburg und von dort zu Fuss ist das Haus Hainstein mit einem kleinen Waldspaziergang zu erreichen. Aber die enge Strasse zum Hotel, der eigentliche Hainstein, ist mit ihren engen Kurven nicht für Reisebusse geeignet. Vor allem nicht, da der Strasse entlang noch die Autos der Anrainer geparkt sind. Auch ohne vorbeifahrendem Car hätte ich hier Angst um mein Auto… Während Simon vorsichtig um Ecken und Kurven fährt, erhalten die vielen und schönen alten Villen von Eisenach viele bewundernden Worte. Mir fällt auf, dass die Deutschen, wenn sie mal etwas kapiert haben, es richtig, richtig, richtig machen, so auch mit dem Umweltschutz und der Abfalltrennung. Bei uns in Zürich hat man den grauen Container worin man die Abfallsäcke entsorgt, Karton und Papier werden in regelmässigen Abständen geholt und für den Kompost und das Grüngut gibt es den grünen Container. In Deutschland gibt es die schwarze Tonne (Abfall), die grüne Tonne (Kompost) sowie die gelbe, blaue und braune Tonne. Und selbstverständlich benötigen diese den Platz am Strassenrand, den Simon zum manövrieren bräuchte. Die Präzision, mit der Berufschauffeure selbst durch die engsten Stellen ihr Gefährt führen ohne es zu verkürzen, ist immer bewundernswert. So schleichen wir uns die Strasse hoch, Simon fährt uns bis fast zum Hotel hoch, die letzten fünfzig Meter müssen wir zu Fuss gehen und unsere Koffer ziehen. Doch das ist soweit in Ordnung, es ist etwas nach fünf Uhr, wir benötigten von der Autobahn zum Hotel über eine halbe Stunde, für eine Strecke, für die man fünf Minuten bräuchte. Wir verstehen, dass Simon uns den Rest zu Fuss gehen lässt, denn er möchte irgendwie in diesen Verhältnissen wenden und den Car auf dem Busparkplatz parkieren, aber hierfür möchte er keine Zuschauer.
Die Zimmer sind toll, ausser dasjenige, das Vater und ich haben und das sich um den Lift herum windet. Unsere Aussicht ist ein grüner Busch, dahinter lässt sich nicht die Wartburg erahnen, sondern bloss der Parkplatz. Aber egal, zum Schlafen wird es reichen. Vom Speisesaal aus geht der Blick über den Wald auf die nahe Wartburg, ebenso im Fumoir, wo wir zu dritt unsere Zigarillos rauchen, um den Abend zu beschliessen.

Esenach: Wartburg by night.