im Banne von Q

6. April 2021
Wäre QAnon Schriftsteller, seine abstruse Geschichte würde nicht einmal einen Selbstverlag finden. In der Schweiz hat die Bewegung aber mehr Anhänger als die SVP. Muss man Q ernst nehmen? Ein gesellschaftskritischer 1. Mai Beitrag aus aktuellem Anlass


Spätestens seit dem 6. Januar und dem Sturm auf das Kapitol in Washington dürfte allen klar sein, dass die Anhänger von QAnon (bzw. Q) nicht bloss eine Gruppe Spinner oder fehlgeleiteter Anhänger von Donald Trump sind, sondern dass von ihnen eine tödliche Bedrohung ausgeht. Die USA sind Qs Hauptziel, am meisten Anhänger ausserhalb den USA haben sie in Japan. In Europa findet die Bewegung vor allem in Deutschland Resonanz. In der Schweiz waren nach Expertenschätzungen im September 2020 100 000 Personen «Q-Schweizer», wie sie von den Titeln der CH-Media genannt werden. Mit steigender Tendenz.

Etwas Statistik: Hunderttausend entspricht der Einwohnerzahl von Winterthur, der sechstgrössten Schweizer Stadt. Das sind so viele Einwohner wie die Kantone Appenzell Innerrhoden, Tessin und Uri zusammen haben. Rund ein Drittel der Schweizer Kantone – acht – zählten 2019 weniger als 100 000 Einwohner. Demzufolge hat Q hat in der Schweiz zu viele Anhänger, als dass man sie noch ignorieren könnte. Zum Vergleich: Christoph Blochers SVP hatte 2014 90 000 Mitglieder, die SP Schweiz 32 000.

Vieles in der Erzählung von Q ist wirr. Hinter der schieren Menge von Nonsens verstecken sich drei teils jahrhundertalte Erzählungen, die längst als überwunden gelten und im 21. Jahrhundert nicht mehr die Massen verführen können sollten. Mit der steigenden Anzahl von Anhängern in der Schweiz lohnt es sich, genau hinzuschauen und den Anfängen zu wehren.

die Geschichte mit Satan
Europa ist die Ausnahme auf der Welt. Die Mehrheit der Menschen glaubt an einen Gott. Viele in Europa glauben zwar nicht mehr an den jüdisch-christlichen Gott, aber an eine höhere Macht wie die Liebe oder dass das Universum alles lenke. An den Teufel hingegen glauben in Europa auch längst nicht mehr alle, die an Gott glauben, sie akzeptieren, dass es das Böse in irgendeiner Form gibt. Oder dass die Menschheit per se böse ist. Jemand sagte einmal, der grösste Erfolg des Teufels sei, die Menschen glauben zu machen, er würde nicht existieren. Deshalb jemanden in Europa und der Schweiz als mit dem Teufel im Bunde zu bezeichnen, funktioniert weder im positiven noch im negativen Sinne einer Kampagne. Ganz anders in den USA, die das wahre Christentum für sich gepachtet zu haben scheinen. In gewissen Gegenden erledigt man jemanden mit dem Etikett, satanistisch zu sein. Q bezeichnet alle seine Gegner als Satanisten.

Ob man nun an den Teufel glaubt oder nicht, als literarischer Charakter eignet er sich bestens.

Pizzagate
Es ist keine Verschwörungstheorie, sondern schlicht eine Verleumdungskampagne aus dem US-Wahlkampf 2016, die behauptete, Hillary Clinton stünde im Zentrum eines Kinderpornografie-Rings, der seine Orgien im Keller der Washingtoner «Comet Ping Pong Pizzeria» feiere. U.a. wären auch Barack Obama und Lady Gaga darin verwickelt. Als Q 2017 auf den Plan trat, wurden immer mehr Prominente, vor allem, aber nicht nur, demokratische Politikerinnen und Amtsträger dem Pizzaring zugeordnet. Während der Wahlkampagne im letzten Jahr sollten bereits sämtliche demokratischen US-Präsidenten seit Lyndon B. Johnson Päderasten gewesen sein.

Da die katholische Kirche in weiten Teilen der Welt ihre Macht verloren hat, greift das Mittel der Exkommunikation aus der heiligen Kirche nicht mehr, um jemanden öffentlich zu erledigen. An ihrer Stelle ist der Vorwurf der sexuellen Perversion getreten. Da heute Homosexualität nicht mehr strafbar und in weiten Teilen der Gesellschaft toleriert ist, so dass es nicht mehr reicht, jemanden als homosexuell zu bezeichnen, muss sogleich die Vergewaltigungs- oder Pädophilie-Keule geschwungen werden, wie das beispielsweise bei Wikileaks-Gründer Julian Assange geschah. So durchsichtig die meisten Kampagnen dieser Art sind, so schädlich sind sie. Mit dieser Aussage sollen nicht die tatsächlichen Übergriffe abgewertet werden. Roman Polanski hat ein paar sensationelle Thriller gedreht. Die Vergewaltigung der damals 13-jährigen Samantha Geimer ist eine Vergewaltigung und soll als solches benannt werden, ebenso der Kindesmissbrauch, den Michael Jackson beging.

Hätte ein Schriftsteller ein Buch mit dem Plot der QAnon Geschichten geschrieben, man müsste sich nicht wundern, wenn es von der Kritik in der Luft zerrissen würde.

die US-Komponente
Das Beruhigende an Katastrophenfilmen aus Hollywood ist, dass die USA immer zuerst zerstört werden, bevor Europa in Mitleidenschaft gezogen wird. Genau dies passiert mit QAnon. Auf zwei Social Media Plattformen postulierte der oder die anonyme Q, aus dem Inneren einer dunklen Verschwörung der herrschenden Eliten (dem Deep State) zu berichten. Schnell wurde US-Präsident Donald Trump zum Heilsbringer, weil er als Aussenseiter gestartet war und in seinem Wahlkampf 2016 verkündete, das Establishment zu zerstören und den korrupten Sumpf von Washington auszutrocknen. Dabei war Trump einer der korruptesten US-Präsidenten, der verurteilte Gefolgsleute und Geschäftspartner en masse begnadigte.

Aus den Tweets von Q, sie sind genauso verständlich wie eine Prophetie von Nostradamus, kristallisierte sich 2020 letztendlich folgende Erzählung heraus: Immer mehr Politiker sind pädophil und/oder Satanisten. Donald Trump gewinnt die Wahlen und dann beginnen die Säuberungen. Im Gegensatz zu Al Gore im Jahr 2000 und Hillary Clinton 2016 gewann Joseph Biden nicht nur die Mehrheit der abgegeben Stimmen, sondern vereinigte auch die Mehrheit der Bundesstaatenstimmen, das so genannte Wahlmännergremium (vergleichbar mit dem Ständemehr), hinter sich. George W. Bush und Donald Trump hatten zwar das Mehr an Wahlmännern, aber nicht die Mehrheit der Stimmen gewonnen.

qanon qshaman captiol insurrection 2021


Ende Feuer, würde man nun denken, nach der Wahlniederlage von Donald Trump im November sei der Spuk vorüber. Doch am 4. März 2021 herrschte in Washington eine der höchsten Alarmstufen seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Der Wahltermin in den USA ist seit Staatsgründung der erste Dienstag im November. Bis 1933 wurde der neue Präsident aber erst am 4. März und nicht schon am 20. Januar vereidigt. Joe Biden hat, so geht die neueste Version von Qs Erzählung, tatsächlich die Wahl gewonnen, wenn auch nur durch Manipulation. Offiziell hätten die USA nun zwei Präsidenten, Biden und Gegenpräsident Trump. Wer nun denkt, die katholische Kirche hatte auch schon zwei Päpste, das kann so schlimm nicht sein, irrt. Donald Trump würde am 4. März, dem wahren Vereidigungstag, im Amt für eine zweite Amtszeit bestätigt. Und ab dem 5. März würden die pädophilen und satanischen Demokraten eingesperrt und in Schauprozessen hingerichtet.

Hätte man als Schriftstellerin ein Drama über die Präsidentschaft Trump geschrieben, und den Sturm auf das Kapitol als Cliffhanger in die zweite Staffel bzw. in das zweite Buch genommen: dramaturgisch hätte es wohl gepasst. Aber inhaltlich?

Jüdische Weltverschwörung und Corona
Man kann über die Trump-Anhängerin lachen, die am 5. März auf CNN sagte, dass sie schon enttäuscht sei, dass Trump nicht vereidigt wurde, nicht einmal nach Washington flog. Aber er hätte seine guten Gründe. Er komme bestimmt mit einem grandiosen Plan zurück. Doch neben dem Narrativ, dass alle Nichtunterstützer von Trump pädophile Satanisten seien, wurde Messias Trump von den Demokraten, den grossen Internet- und Computerkonzernen und den Liberalen um eine zweite Amtszeit betrogen. Finanziert durch den Juden George Sorros, der Teil der neuen jüdischen Weltverschwörung ist. Satanistische und pädophile Juden übernehmen, unterstützt von Liberalen und Gutmenschen mit dem Geld von George Soros und Bill Gates Chips, die mit der Corona-Impfung implantiert und durch 5G Antennen aktiviert werden, die Weltherrschaft. So lautet die aktuelle Quintessenz aller Q-Propaganda.

Jeder vernünftige Schriftsteller würde einen solchen Plot um mindestens die Hälfte der Elemente kürzen, um eine – nein, nicht plausible, aber stringente – Geschichte zu erhalten. Gut, gibt es mehr Leserinnen als Schriftsteller. Aber ob die Leserschaft auch mündig ist? Angesichts der hohen Anhängerzahl von Q in der Schweiz ist es fraglich.

Das letzte Mal, als die jüdische Weltverschwörung massentauglich war, war zur Nazizeit in den 1930er-Jahren. Die Parallelen zu heute? 1918-1922 Pandemie der Spanischen Grippe, 1929 Weltwirtschaftskrise; seit 2008 Finanzkrise, 2015 Flüchtlingskrise, seit 2020 Corona-Pandemie. Damals wie heute haben die Juden Schuld an allem. Die Geschichten sind dieselben, die Medien und Akteure haben sich geändert.

Was dagegen hilft? Die Dinge beim Namen zu nennen und Theorien, die keine sind, als Lügen zu bezeichnen. Alain Berset und alle persönlichen Gegner als Pädo-Satanisten zu betiteln, ist schlicht üble Nachrede. Und strafbar. Und wenn die Gesellschaft dies nicht von selbst versteht, ist es nicht nur an den Schriftstellern, sondern auch an den Politikerinnen und allen mit gesundem Menschenverstand, ihre Stimme zu erheben und Volksverhetzung als solche zu benennen.


berset qanon satan zürich 2021Merkmal von Qs Geschichte: Alle Gegnerinnen und Gegner werden als Päderasten und/oder Satanisten verunglimpft. Das ist schlicht Rufmord und strafbar. Hier ein Q-Grafitti an der Milchbuckstrasse in Zürich.

 

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Nachtrag zum 26. März; Infografik Ever Given – 13. April
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