das Foto


Sentimental trat ich an Vaters schweren Nussbaumschreibtisch. Er hatte sein Büro im hinteren Teil des Hauses eingerichtet. Es war das einzige Zimmer des Hauses, von dem aus man nicht das Meer sehen konnte. Vater meinte, zum Arbeiten reiche die Aussicht auf eine Ecke der Garage und die Ligusterhecke. Wie oft bin ich in meinem Leben diesen Weg von der Eingangstüre zum Büro schon gegangen? Ich weiss es nicht, doch es müssen so viele Male gewesen sein, wie einem als Kind das Leben als unendlich vorgekommen war. Auf dem Schreibtisch stand ein altes Familienfoto in einem silbernen Rahmen. Beim Tisch angekommen, nahm ich es und schaute es mir gerührt an. Und dann verschlug es mir die Sprache: das Foto im silbernen Rahmen war farbig. Das konnte nicht sein. Noch vor wenigen Minuten war es schwarzweiss gewesen…

Es war so schwarzweiss wie das Jahr seiner Aufnahme in meiner Erinnerung ist: 1973. Damals war ich vierjährig und Annie war erst ein paar Monate alt. Das Foto war mit der Zeit etwas verblasst, aber sicher nicht farbig geworden. Das weiss ich bestimmt, denn das Bild zeigt den Ausgangspunkt meiner Geschichte. Natürlich kann man darüber diskutieren, wann diese begonnen hat: War es der Augenblick im Nachgang jenes einen ekstatischen Momentes, aus dem meine biologische Wenigkeit als Ergebnis einer Fusion von einer Samen- mit einer Eizelle als menschlicher Embryo hervorgegangen ist? Oder war es bei der Schöpfung von Adam und etwas später mit der Kreation von Eva aus dessen Rippe? Oder beginnt sie nicht doch mit Urknall, der aus dem Nichts unser Universum aus lauter Sternenstaub geschaffen hat? Jede dieser Stationen meiner Menschwerdung kann man wohl als meinen Ausgangspunkt bezeichnen. Doch meine Geschichte beginnt mit dem Tag, an dem das Foto im Silberrahmen aufgenommen worden war. Es zeigt meinen Vater als zweiundreissigjährigen, frischgebackenen Kapitän in seiner dunklen Uniform. Wir hatten uns unten beim Pier vor unserer Villa aufgestellt. Vater steht links, Mutter rechts, ich davor. Mutter hält Annie im Arm. Meine Geschichte beginnt insofern mit dem Foto, weil es eine meiner ersten Erinnerungen ist, die ich bewusst aus meiner Kindheit habe. Für das Foto liessen meine Eltern extra einen Fotografen aus dem Dorf kommen. Und wir mussten uns schick anziehen, damit wir zu Vater und seiner neuen Uniform passen würden und er nicht overdressed wirken würde. Etwas, was ich damals nicht verstehen konnte. Viel lieber hätte ich mich so fotografieren lassen, wie ich war, anstatt mich ins Sonntagskleid zu zwängen. Doch mein kindlicher Protest hatte nichts genützt.

Ich schaute mir das Foto noch einmal an, es war immer noch farbig. Erklären konnte ich diese groteske Tatsache nicht. Ich habe mir das Foto oft genug als Kind angeschaut. Vater wollte zwar während der Arbeit nicht gestört werden, doch nach der Schule mussten sich Annie und ich uns immer bei ihm im Büro melden. Dabei habe ich mir eigentlich immer das Foto zuerst angeschaut, ehe ich Vaters Frage nach dem Tag und den Hausaufgaben beantwortet hatte. Dass ich mir das Foto zuerst anschaue, ist mir irgendwie geblieben. So war auch vor ein paar Minuten gewesen, als ich Vaters Büro betreten hatte. Wie automatisch war mein Blick zum Foto gewandert. Und vorhin war es noch schwarzweiss gewesen. Ich stellte das Foto wieder hin und beschloss, an den Pier hinunterzugehen. Ich war etwas früher als vereinbart eingetroffen, weshalb ich noch etwas warten musste. Vor zwei Jahren war unsere Mutter gestorben. Vater wohnte weiterhin in der Villa. Doch im letzten halben Jahr verschlechterte sich seine Gesundheit rapide. Die Gicht wütete nun derart stark in seinen Gelenken, dass ein Weiterleben in der Villa vernünftigerweise nicht mehr in Betracht zu ziehen gewesen war. Nach mehreren Diskussionen war es Annie und mir gelungen, ihn zu überzeugen, in ein Altersheim zu ziehen. «Nur über meine Leiche!», hatte er zunächst gesagt, doch schlussendlich war er zu einem Einsehen gekommen. Heute Vormittag hat ihn Annie abgeholt und ins Altersheim im Dorf gefahren. Vater hatte Glück, von seinem Zimmer aus konnte er das Meer sehen. Etwas versteckt hinter einer Kaskade von Hausdächern, Dünen und Strandkörben. Aber immerhin…

Während ich zum Pier hinunterging, studierte ich über das plötzliche Farbigwerden des Fotos nach. Ich konnte mir nach wie vor keinen Reim darauf machen. Ich zündete mir eine Zigarette an und schaute rauchend dem alerten Wellenspiel und den Möwen zu, die kreischend darüber ihre Runden drehten. Das Rauschen des Meeres, auch wenn gerade Ebbe herrschte, hatte etwas beruhigendes, ewiges. Es war ein bedeckter Tag und übers Meer kam ein kühler Wind. Nachdem ich fertig geraucht hatte, beschloss ich, wieder ins Haus zurückzukehren. Ich wollte mir das Foto in Ruhe nochmals anschauen. Vielleicht würde ich ja bei einer Untersuchung des Bildes das Rätsel lösen können.

Als ich zur Villa zurückging, schaute über die lange, gerade Zufahrt, ob Annie zurückkehren würde. Wir waren miteinander verabredet, um etwas aufzuräumen und Vater ein paar persönliche Gegenstände und Bücher zu bringen. Es näherte sich jedoch kein Auto. So betrat ich, wie ich es immer schon getan hatte, das Haus und durchquerte den langen Korridor mit seinem gefliessten Boden in einem schwarzweissen Karomuster. Ich betrat das Büro und schritt über den verbleichten, rotbrauen Läufer, der von der Türe bis zum Schreibtisch ging, um das Parkett im hellen Fischgerätemuster zu schonen. Ich trat zum Schreibtisch hin und nahm das Foto. Als ich es anschaute, erschrak ich heftig. Es war immer noch farbig. Doch nun zeigte es Vater als alten Mann und mich als Erwachsenen. Auch Mutter und Annie waren dementsprechend gealtert. Natürlich hielt Mutter Annie nicht mehr im Arm. Noch immer standen die Eltern nebeneinander. Annie und ich standen auch nebeneinander, etwa einen halben Schritt von den Eltern entfernt. Zunächst ich, dann Annie. Wer etwas von Körper- und Bildsprache verstand, dem fiel auf, wie nahe sich die Eltern standen und wie weit Annie und ich von ihnen und von uns entfernt standen.

Hier ging es nicht mit rechten Dingen zu, weshalb ich beschloss, mir auf diesen Schreck eine schöne Portion Tee zu gönnen. Mit einer ordentlichen Portion Grog darin. Während ich das Wasser aufkochte habe ich die Flasche aus dem grossen Schrankmöbel in der Stube geholt. Ich schaute nachdenklich zu, wie Dampf aus der Tasse aufstieg, da klingelte mein Handy. Auf dem Display meines iPhones leuchtete ein Foto von Annie. «Sie wird sich wohl etwas verspäten», dachte ich, während ich über den Bildschirm wischend ihren Anruf entgegen nahm. Aufgewühlt berichtete Annie, dass sich Vater nach dem Mittagessen, das er übrigens ganz ordentlich gefunden hat, eine halbe Stunde hinlegen wollte. Sie wäre unterdessen spazieren gegangen. Und als sie in Vaters Zimmer zurückgekehrt war, hatte Vater noch immer geschlafen. Sie hat versucht, ihn zu wecken, doch Vater war nicht mehr aus seinem Mittagsschlaf erwacht.

 

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