der Kuss der Muse


Die ganze Woche über schon beobachte ich Morgen für Morgen den graumelierten Herrn im anthrazitfarbenen Manchesterveston. Während er seine Zeitung liest und Kaffee trinkt, liegt seine Pfeife neben der Tasse auf dem Tisch. Irgendwie fasziniert mich dieser Herr und ich werde nicht ganz schlau aus ihm. Vom einfachen Feriengast bis zum frisch Geschiedenen kann ich mir jede Menge Geschichten vorstellen, die zu ihm passen würden. Eine wunderschöne schwarzhaarige Frau betritt das Café Amiez. Zielstrebig geht sie auf den Herrn zu, die anderen Gäste nehmen keine Notiz von ihr. Sie reicht ihm einen Briefumschlag und gibt ihm einen Kuss, danach verschwindet sie wieder, genau so wie sie erschienen ist. Die Miene des Herrn hellt sich auf. Er sieht zu, dass er zahlen kann, steht auf und verlässt das Kaffee. Er vergisst sogar, seine Pfeife anzuzünden. Normalerweise zündet er sich diese vor der Eingangstüre wieder an. Ich blicke ihm nach und wundere mich über die sonderbare Schönheit und den geheimnisvollen, aber erfreulichen Inhalt des Couverts. Der Herr geht schnurstracks die Strasse entlang. Als er aus meinem Blickfeld verschwunden ist, blicke ich gedankenverloren zu seinem Tisch herüber. Er hat den Umschlag auf dem Tisch liegen lassen. Soll ich ihm nun nacheilen und ihn ihm bringen? Ich stehe auf, gehe zu seinem Tisch und nehme das Couvert. Die Neugier packt mich, und ich schaue hinein: Es ist leer. Seltsam. Ich bin überzeugt, dass er nichts dem Umschlag entnommen hat.

Am anderen Tag erinnert nichts an die bizarre Szene. Der Herr sitzt wieder fast bewegungslos hinter seiner Zeitung beim Kaffee. Die unbekannte Schönheit taucht auch nicht wieder auf. Und so bezahlt er nach der Lektüre und zündet sich vor dem Café Amiez seine Pfeife an, ehe er seines Weges zieht. Dieselbe Szene wiederholt sich die folgenden Tage, bis ich am Ende meines Urlaubes abreisen muss, und wohl noch darüber hinaus. Im Alltag habe ich den graumelierten Zeitungsleser und die schöne Unbekannte schnell wieder vergessen.

Seither ist etwas mehr als ein Jahr vergangen. Ich habe wieder Urlaub und sitze Morgen für Morgen im Café Amiez, trinke einen Kaffee, lese die Zeitung und beobachte die Leute. Weder der graumelierte Herr noch die schöne Frau, die ihn geküsst hatte, sind aufgetaucht. Dafür ist mir an der Eingangstür ein Plakat aufgefallen, das ein Foto des Herrn zeigt. Es wirbt für eine Lesung in der Aula Rudi Dadens; Petr Nagens liest heute Abend aus seinem neuem Buch «Der Kuss der Muse». Ich beschliesse hinzugehen.

Seit Tagen gehe ich jeden Tag ins Café Amiez um Zeitung zu lesen und in Ruhe einen Kaffee trinken zu können. Seit Wochen schon leide ich an einem Schreibstau. Die Ideen, die ich habe, reihen sich brav wie Dominsteine auf, doch wenn ich einen antippe, fällt er ohne die anderen zu berühren um. Die Kettenreaktion bleibt aus und ich kriege an guten Tagen ein paar halbgare Sätze hin. Wann er mir das erste Mal aufgefallen ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Morgen für Morgen betritt er etwa eine Viertelstunde nach mir das Café und setzt sich zwei Tische von mir entfernt hin. Immer bringt er die Zeitung aus der Metropole mit und krallt sich beim Eintreten die Regionalzeitung. Obwohl er wie ich aus der Metropole kommt – ich denke, dass ich ihn schon am Bellevue oder beim Antiquariat mit den japanischen Holzschnitten gesehen habe – kann ich ihn nicht richtig einordnen, ausser dass er wie ich in Ruhe nochmals einen Morgenkaffee trinken und dazu die Zeitung lesen möchte. Er ist etwa zwanzig Jahre jünger als ich. Vom einfachen Feriengast über den beurlaubten PR-Berater bis zum frisch Geschiedenen kann ich mir viele Geschichten vorstellen, die auf ihn passen würden. Ich würde nicht behaupten, dass er mich fasziniert. Solche Typen wie er sind mir schon genug untergekommen. Aber mein Interesse hat er dennoch geweckt. Er scheint es nicht bemerkt zu haben, aber ich habe genau wahrgenommen, dass er mich beobachtet. Wenn es mir jeweils zu viel wird, lege ich wortlos das passende Münz für den Kaffee auf den Tisch, das ich jeweils griffbereit in der rechten Hosentasche habe. Das Rauchverbot ist zwar meiner Gesundheit, nicht aber meiner Kreativität förderlich, und so nehme ich meine kalte Pfeife und verlasse das Café Amiez. Vor der Türe zünde ich sie mir jeweils an und nehme begierig den bisher fehlenden Nikotinzug und gehe danach meines Weges.

Nicht so heute: Der gestrige Tag war wieder einmal für die Füchse gewesen, gerade einen wiederverwertbaren Satz habe ich zustande gebracht. Meine Laune ist dem miesen Wetter entsprechend, für einen Zug an meiner Pfeife würde ich ein Königreich geben! Irgendwann ist er hereingekommen und hat sich an seinen Stammplatz gesetzt und beobachtet mich seither über die Zeitung hinweg. Ich beginne mich beobachtet zu fühlen. Dann, wie aus heiterem Himmel, tritt sie an meinen Tisch und legt ein senffarbenes Couvert hin. Gesehen habe ich sie hier noch nie zuvor. Sie war auch noch nicht im Café, als ich kurz vor neun gekommen bin, da sassen nur wie jeden Morgen die drei alten tratschenden Frauen bei ihrem Tee. Erst als sie das Couvert hinlegt, nehme ich sie also wahr. Sie kann die Jahrhunderte ihrer Familiengeschichte nicht leugnen, sie ist eine typische Walserschönheit mit schwarzem Haar und weisser Haut. Einzig ihre braungrauen Augen erinnern mehr an ein schottisches Hochmoor denn an den klaren blauen Himmel über den saftigen Alpweiden der Surselva. Nachdem sie das Couvert auf den Tisch gelegt hat, beugt sie sich über die Zeitung, fasst mir an den Nacken und spitzt ihre Lippen. Ich habe keine Ahnung, wo das Mädchen Küssen gelernt hat. Sicher aber nicht hier, denn so bin ich noch nie zuvor geküsst worden. Als sie von mir ablässt, tritt sie einen Schritt zurück und dann ist es, als ob sich ein weisser Nebel über meine Augen schieben würde. Verwundert fahre ich mir mit der linken Hand übers Gesicht, die rechte hält noch immer die Zeitung. Von der unbekannten Schönheit ist nichts mehr zu sehen. Stattdessen sehe ich den jüngeren Herrn mir gegenüber. Auch wenn ich nun versucht bin, etwas unfreundliches zu sagen, kann ich es nicht, denn ich bin mir sicher, dass er die Erscheinung auch gesehen hat. Als einziger neben mir, der im Café Amiez Anwesenden. Die drei italienischen Bauarbeiter, welche sonst jede Frau kilometerweit gegen den Wind wahrnehmen, stieren stumpf ihren Kaffee an und spielen hilflos mit dem Päckchen Zigaretten oder dem iPhone herum, weil sie nicht Rauchen dürfen. Sie haben sich nichts zu sagen, was sie sich nicht schon auf der Baustelle gesagt hätten.

Wo ist sie hin? Sie ist keine Einbildung gewesen, ganz deutlich spüre ich noch ihre Lippen und ihre Zunge. Ich nehme das Couvert, das sie mir hingelegt hat und blicke hinein. Und nun bin ich mir sicher, dass die schöne Unbekannte da gewesen ist. Ich spüre es. Mein Herz beginnt Freudensprünge zu machen, die Gedanken beginnen zu kreisen. Ich nehme meine Pfeife und die Zeitung und verlasse erregt das Café. Bin mir nicht sicher, ob ich bezahlt habe, aber das kann ich morgen noch nachholen. Atme die Morgenfrische vor der Türe ein. Sie breitet sich in meinen Lungen aus und scheint die heisslaufenden Hirnzellen zu kühlen. Ich beginne endlich klar zu sehen. Nicht was sich auf der Strasse abspielt, ob nun gerade ein Postauto oder ein blaues Auto vorüberfährt nehme ich nicht wahr, stattdessen sehe ich, wie sich meine über Wochen aufgestauten Gedanken zu einer klar erkennbaren Landschaft mit Höhen und Tiefen, Weiten und Wälder formieren. In Gedanken inspiziere ich die sich vor mir ausbreitende Geschichte. In Realität entferne ich mich vom Café Amiez. Als ich um die Ecke biege, halte ich für einen Moment inne. Eine Kehrtwendung auf den Absätzen ausführend gehe ich zurück, so dass ich durch das grosse Fenster hineinsehen kann. Ich sehe den jungen Herrn, der an meinen Platz getreten ist und das Couvert öffnet. Verwundert blickt er auf, faltet den Umschlag zusammen, steckt ihn ein und setzt sich wieder an seinen Platz.

Zufrieden zünde ich mir auf dem Rückweg ins Hotel meine Pfeife an. Während ich in meinem Zimmer das MacBook hochfahre, versuche ich nochmals ihren feurigen und intensiven Kuss zu spüren. Doch der ist bereits zu einem ähnlich schönen Bildnis wie ihr strahlendes Walserantlitz geworden. Ich öffne eine neue Datei und setze nach meinem Namen den Titel auf das sonst noch weisse Blatt: «Der Kuss der Muse». Und so beginnt die Geschichte…

 

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der Kuss der Muse – 2010  

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