Insepektion in Flims
16. Mai 2010


Nach sechs Jahren wieder in Flims. Ein kurzer Spaziergang bestätigt, dass Vieles noch da ist, wo es hingehört: Die Bergbahnstation, die Konditoreien, die Papeterie mit den Büchern für die Ferienlektüre, der Fotograf im Waldhaus, dessen Namen die Postkarten ziert, die Bankfilialen und die Post. Es ist das Flims der Erinnerung. Doch mit gefühlten 70 Prozent Deckungsgleiche, jede Neuerung wird mit Argusaugen registriert, geht man dem Wandel auf den Grund. Hier wurde ein hoher Baum gefällt und dieser Garten erinnert auch nicht mehr an den Schlittelhang des kleinen Jungen, der in die Büsche gerast war und danach wie ein Mädchen heulte. Die damaligen Ferienhäusern sind unterdessen grösseren Appartments gewichen. Am augenfälligsten fehlt der

Verkehr, der sich durch das Dorf gequält hatte, seit 2007 kanalisiert ihn ein Entlastungstunnel. Seither scheint ein Bauboom eingesetzt zu haben, nicht nur im historischen Ortskern, der vor vier Jahren durch ein 16-jähriges Mädchen niedergebrannt worden war.

Und so ist es eine Suche nach den Fixpunkten, die sich während einem Vierteljahrhundert Ferienerfahrung aus irgendwelchen Gründen eingeprägt haben. Die Waldhaus Apotheke gibt es nicht mehr, dafür in Flims Dorf die Apotheke Flims, gegenüber der noch bestehenden Drogerie und Parfümerie. Irgend eine Erinnerung sagt, dass Vater und ich einmal in der Waldhaus Apothekte Notfallmedikamente gekauft hatten. Ich weiss es, denn der Parkplatz war direkt vor dem Geschäft. Lag damals Schnee? War es ein Sonntag? Oder zumindest so schlechtes Wetter wie heute? Offensichtlich noch zu jung, um die Erinnerungen zum definitven Lebensfilm schneiden zu können, denn das einzig verlässliche am Erinnerungsfetzen ist die graue Umgebungsfarbe. Verschwunden ist auch die Tankstelle kurz vor der Seilbahnstation. Ein paar Löcher auf einem Mäuerchen zeugen von den ehemaligen Zapfsäulen und den Säulen, die das verschwundene Dach gehalten haben. Bloss noch das Holzhüttchen, das als Kassenhäuschen gedient hatte, steht. Mit geschlossener Jalousie. Hier ist es die Erinnerung an einen heissen Sommertag am Ende einer Wanderung, welche die momentanen Schwaden des eigenen Atems übertünchen. Es hat merklich abgekühlt, der kälteste Mai seit Jahren vermag die heissen Erinnerungen dennoch kaum zu kühlen.

Was heuer aber auffällt, sind die verschiedenen Kebabstände, die Boutiquen und die Galerien. Die gab es definitiv nicht hier. Früher, als alles war, wie es sich gehörte, um sich in einer weit entfernten Zukunft in einem neuen Jahrtausend daran zurück zu erinnern. –



flims



frühere Einträge
:
Flims, Hotel Vorab – 16. Mai
Verbrechen gegen die Menschlichkeit – 11. Mai
Wahrung der Relationen – 30. April


folgende Einträge
:
Sprachbetrachtung: ein bemerkenswerter Satz – 18. Mai
Lachen – 20. Mai
Prau Pulté – 21. Mai



zurück zur Blogübersicht
VzfB-Home



© 2010 by VzfB. All Rights reserved.